Im Sommer 2010 wusste ich nicht viel über Prostitution. Natürlich hatte ich ein wenig über Zwangsprostitution gehört und gelesen. Aber heute würde ich sagen, dass das Bild, das ich mir über das Rotlichtmilieu machte, sehr weit von der Wirklichkeit entfernt lag.

Inzwischen bin ich seit sieben Jahren ehrenamtlich in dieser Parallelwelt unterwegs. Habe in zwei Städten ehrenamtliche Gruppen gegründet. Wir nennen uns „HerzZeichen“, und gehen jeweils zu zweit in Bordelle und Bordellwohnungen, um die Frauen, die in Prostitution leben zu besuchen und gegebenenfalls zu helfen.

Was hat das Thema Prostitution mit „Loslassen und Festhalten“ zu tun? Eine Menge!

Unser Land, unsere Gesellschaft hält krampfhaft an einem veralteten Bild fest, wenn es um Prostituierte geht. Nutte, Hure, Bordsteinschwalbe, leichtes Mädchen… es gibt etliche Bezeichnungen für Frauen, die ihren Körper verkaufen. Und allesamt verschleiern sie die Wahrheit. Entweder verharmlosen sie das Geschäft, oder sie drücken derbe aus, was die Gesellschaft von den Frauen hält: sie verkaufen sich, sind Schlampen, wollen schnelles Geld und sind irgendwie eine Art Mensch zweiter Klasse.

Die Begrifflichkeiten und das Bild, das dahinter steckt zeigen, wie krank unsere Gesellschaft ist. Und wie gut sie abspalten kann, was da mitten in unserem Alltag vor sich geht.

Wenn ich in Gemeinden oder auch im privaten Gespräch davon erzählt habe, dass ich mich im Rotlichtbereich engagiere und die Frauen dort besuche, und dass ich es dabei hauptsächlich mit Zwangsprostituierten zu tun habe, dann passierte fast jedesmal etwas absolut Seltsames. Ein Phänomen, dass ich bis heute nicht wirklich verstehen möchte und das mich wütend macht.

Nämlich nichts. Keine Fragen. Kein sich daraus entwickelndes Gespräch. Absolut. Kein. Interesse. Allenfalls ein etwas irritierter, bruchteilsekundenlanger Blick. Dann schnelles Wegschauen. Thema wechseln. Ablenken. Schnell weg müssen. Auf die Toilette gehen und ähnliches.

Ich kann gar nicht ausdrücken wie sehr mich das verstört. Bei so einem Thema fragt man doch nach, oder?! Was sind das für Frauen, die in diesem Milieu landen? Wie reagieren sie auf euch? Werdet ihr da überhaupt hineingelassen? Was redet man mit den Frauen, und erzählen sie irgendetwas über ihren Job oder wie sie dazu gekommen sind? Wie leben diese Frauen, wenn sie gerade nicht „arbeiten“? Wieviele sind freiwillig dabei, und wieviele werden gezwungen? Und wie passiert das, dass Frauen dazu gezwungen werden können? Warum verständigen sie nicht die Polizei, laufen weg, fragen nach Hilfe? Und, und, und… Fragen über Fragen. Mich machen solche Lebensumstände neugierig. Ich kann sie nicht verstehen, deshalb muss ich nachfragen, bis ich besser verstehen kann. Dass jemand so nachgefragt hat, ist mir in den letzten sieben Jahren höchstens drei bis viermal untergekommen. Die andere Reaktion, das absolute Ausblenden des Themas dagegen unzählige Male.

Dabei gehe ich davon aus, dass viele Menschen in unserer Gesellschaft inzwischen schon einmal etwas über Zwangsprostitution und Menschenhandel gehört, gesehen oder gelesen haben. Dass man dabei nicht das ganze Ausmaß begreift, kann ich verstehen. Aber dass man das so beiseite schieben kann, dass es in unserer Gesellschaft viele, viele Sexsklavinnen gibt, verstehe ich nicht. Und ich finde: es ist  auch nicht zu verstehen.

Über Zwangsprostitution gibt es kaum und vor allem keine wasserfesten Statistiken. Das versteht sich von selbst. Das Bild, welches sich mir und meinen Kolleginnen bei unseren Gängen durch das Rotlicht bietet, ist in etwa Folgendes:

Der Hauptteil der Frauen, die wir anfinden, scheint nicht freiwillig in der Prostitution zu arbeiten. Meiner Erkenntnis nach, sind das die Wenigsten. Natürlich kann ich hier keine wissenschaftlichen Zahlen bieten, aber inzwischen hat sich einiges an Erfahrungen ergeben und ich versuche mal ein ungefähres Bild zu zeichnen. Ich schätze, dass es sich ungefähr so verteilt:

50-70 % : der Frauen sind gezwungenermaßen im Milieu

Und das sind diejenigen, die wir in folgenden Bereichen antreffen können: in kleineren oder größeren Bordellen und in Wohnungen, die zu Prostitutionszwecken von Zuhältern oder Organisationen angemietet werden (in typischen, aber auch in normalen Vierteln: auf dem Schulweg meiner Kinder zur Grundschule – und in unmittelbarer Nähe derselben – befinden sich mir vier bekannte Wohnungen dieser Art,die ich des Öfteren aufgesucht habe)

      • darunter Frauen, die aus anderen Ländern verschleppt oder hergelockt wurden
      • darunter Mädchen und Fauen, die auf einen sogenannten „Loverboy“ hereingefallen sind – und das sind oftmals deutsche Mädchen und Frauen

 

10- 30% : Mädchen und Frauen, die aus ritueller Gewalt stammen

Diese Frauen bezeichnen sich selbst als „Freiwillige“. Darunter oft deutsche Frauen, unterschiedlicher gesellschaftlicher Herkunft, unterschiedliches Bildungsniveau usw.  Diese Mädchen und Frauen wurden seit ihrer Geburt sexuell, körperlich und seelisch missbraucht. Sie wurden von klein auf an Menschen mit pädophilen und sadistischen Neigungen verkauft. Für pornographische Aufnahmen und Filme benutzt. Für ebensolche Zwecke „abgerichtet“. (Das Wort ist nicht meine Erfindung, es wird in diesen Kreisen gebraucht.)

Viele dieser Mädchen (und es gibt auch Jungs) und Frauen haben eine dissoziative Störung. Das geht soweit, dass sie verschiedene Persönlichkeiten ausgebildet haben – für verschiedene Settings.                                                                                                 Normale Persönlichkeiten für den Alltag (Schule, Nachbarschaft, Studium, Beruf ).    Sich gerne prostituierende Persönlichkeiten für Prostitutionssettings (und da die ganze Palette, die man sich (nicht) vorstellen kann: Sexparties, Prostitutionsarbeit, Pornodrehs, normale Sexarbeit und Spezialbereiche: SadoMaso, Orgien …bis hin zu Snufffilmen)

Das sind auch oft die hübschen, wie die Tochter aus gutem Hause wirkenden Studentinnen, die in Talkshows über das Thema Prostitution eine Lanze für die „Sexarbeit“ brechen sollen. Sie erzählen, dass sie zwar Jura, Mathematik oder Philosophie studiert haben, aber in der Sexarbeit viel mehr Erfüllung finden. Dass sie ihren Beruf lieben, vor allem, weil sie dort Menschen helfen und diese glücklich machen können. Und wenn man ohne Vorkenntnisse vor dem Bildschirm sitzt, dann bekommt man recht leicht das Gefühl: „Ja, wenn das so ist: Warum eigentlich nicht?“ Es hört sich, so wie sie das erklären, nämlich echt stimmig an.

Dass die jungen Frauen „von nebenan“, die dort so eloquent und selbstbewusst erzählen, von Kindheit an „abgerichtet“ und programmiert („mind control“) wurden – und eben nur eine Persönlichkeit von Vielen dort sitzt, dass weiß ja keiner. (Und sie selbst in diesem Augenblick auch nicht.) Weil es so unvorstellbar ist – und auch (!) weil keiner nachfragt und verstehen möchte, was nicht zu verstehen ist.

10 – 30% :  Armutsprostitution

Frauen, die sich prostituieren, weil anders die Familie in Afrika, Thailand oder Bulgarien nicht durchzubringen ist. Ob man das für freiwillig oder erzwungen hält, bleibt jedem selbst überlassen. Dazu vielleicht später einmal mehr.

Wie genau sich die Prozentzahlen verhalten, kann ich nicht ausmachen, aber nach meinen Erfahrungen und denen meiner Kolleginnen ist es in etwa so, wie oben aufgeführt. Oder eher schlimmer. Auch wir verharmlosen lieber, als uns Vorwürfen auszusetzen…

In Wuppertal, der Stadt, in der 2010 eine HerzZeichen-Arbeit entstand, gingen wir in 20 Bordelle, alleine in dieser Stadt. Weil wir dort viele, viele Frauen antrafen und bestens ausgelastet waren, hatte ich damals das Thema „Bordellwohnungen“ noch gar nicht auf dem Zettel.

In Flensburg, der Stadt, in der ich jetzt mit einigen anderen Frauen unterwegs bin, treffen wir alleine 90 Frauen in den Bordellen und Wohnungen an. Die meisten davon (ca 50-60) „arbeiten“ in normalen Mietwohnungen und sind höchstens ein bis zwei Wochen anwesend, bevor es in eine andere deutsche oder europäische Stadt geht, in der sie wieder ein bis zwei Wochen in einer Wohnung hocken, und dort auf Freier warten. Ich schätze, dass es in Flensburg noch mehr Frauen gibt, die zur Prostitution gezwungen werden, die wir aber mit unseren Mitteln nicht finden und aufsuchen können. Dazu kommen sicherlich noch einmal einige Kinder, die soundso verdeckt und unauffällig den Freiern mit entsprechenden Neigungen angeboten werden.

Wenn sich die Zahlen auch nur annähernd so verhalten, wie oben beschrieben, dann will mir absolut nicht in den Kopf, wie so etwas in einem „freien“, demokratischen Land vor sich gehen kann. Ich verstehe nicht, wie die Politik zulassen kann, dass Frauen und Kinder (und auch ein paar Männer natürlich) in unserem Land in so großem Ausmaß verkauft werden können.

Immer wieder habe ich das Bild vor Augen, wie zwei Politikerinnen (rot/grün, 14. Dezember 2001) und eine Bordellbesitzerin auf das neue Prostitutionsgesetz anstoßen. Und ich möchte kotzen.                                                                                       Angeblich sollte durch die Legalisierung der Prostitution die Situation der Frauen verbessert werden. Tatsächlich hat es aber dazu geführt, dass auch der Zwangsprostitution Tor und Tür geöffnet wurden.                                                                Inzwischen rudert die Politik in Sachen Prostitutionsgesetz zwar zurück, aber es reicht bei Weitem nicht aus, um jede Menge Frauen und Kinder ausreichend zu schützen. Wir treffen die Frauen ja immer noch an. Zuhauf.

Und das Thema „rituelle Gewalt“ steckt, was die Politik betrifft, noch in den Kinderschuhen. Höchstwahrscheinlich weil es dazu sehr unterschiedliche Interessen gibt …

Dem unhaltbaren Zustand ist zuträglich, dass die meisten Menschen in unserer Gesellschaft gerne an ihrem alten, schmuddeligen oder sogar etwas romantisierten Bild von Prostitution und Nutten, Huren, Bordsteinschwalben festhalten wollen.

Es ist vielleicht einfacher, zu glauben, dass es Frauen gibt, denen so ein Leben gefällt. Die das alles gar nicht so schlimm finden und nicht darunter leiden. Denen das „schnelle“ Geld halt wichtiger ist. Lieber krampfhaft an diesen Vorstellungen festhalten als realisieren, dass wir in einer Gesellschaft und Kultur leben, in der mehr (Sex)SklavInnen als jemals zuvor in der Menschheitsgeschichte leben. Lieber dieses alte Bild nicht loslassen, damit ich nicht darüber nachdenken und nachfühlen muss, dass im Haus nebenan, in meiner Straße, meinem Viertel, meiner Stadt, Frauen und Kinder leben, denen das gerade passiert, während ich mir einen Thriller über das Milieu reinziehe, koche, mit meinen Kindern Hausaufgaben mache oder überlege, ob ich mir vielleicht die schweineteuren Laufschuhe mit Pronationsschutz oder das Wochenende in Wien leisten kann. Denn die ungeschminkte Realität würde mich bei all diesen Beschäftigungen doch erheblich aus dem Konzept bringen.

Das Dumme ist: die Wahrheit hinter all diesen Dingen – und warum Prostitution, Pädophilenringe und rituelle Gewalt letztendlich zusammenhängen und eines sich aus dem anderen speist, ist leider noch viel erschreckender. Und bei mir kippen die alten Bilder in einem steten Prozess nacheinander weg…und ich lasse los. Weil ich nicht anders kann – und nicht anders möchte. Mir würde davon noch übler werden als von der Wahrheit.

Hinter dem Geschriebenen steckt viel, viel Wut. Und Unverständnis. Und der Wunsch, etwas zu tun. Noch mehr zu tun. Diese Lüge und Scheinwelt, in der wir in Deutschland leben, niederzureißen. Wenn es einigen meiner Leser/innen dabei hilft, alte Scheinwahrheiten zu diesem Thema loszulassen, dann hat es sich gelohnt.

Ich hoffe auf viele, viele Reaktionen und Fragen. Und Denkprozesse.

Übrigens strahlt die ARD am 30. August einen Themenabend „Loverboys“ aus. Die Loverboymasche ist eine perfide Art der Zwangsprostitution, der viele deutsche Mädchen und Frauen, größtenteils aus ganz normalen Verhältnissen stammend, zum Opfer fallen. Die Jüngsten unter ihnen sind ungefähr 11 Jahre alt, die meisten sind im Teenageralter.

Wenn Einige von euch ein paar alte Bilder über das Thema Prostitution loslassen möchten, dann schaut an diesem Abend zu.

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http://www.daserste.de/unterhaltung/film/themenabend-loverboys/film/index.html

http://www.daserste.de/unterhaltung/film/themenabend-loverboys/videos/ich-gehoere-ihm-30-08-shorty1a-100.html

3 Gedanken zu “Nutte, Hure, Bordsteinschwalbe …

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