Das ZDF zeigt morgen die Doku „Bordell Deutschland – Milliardengeschäft Prostitution“

Eine Prostituierte wartet auf ihrem Zimmer in einem Bordell in Frankfurt am Main.

https://www.zdf.de/dokumentation/zdfinfo-doku/bordell-deutschland-milliardengeschaeft-prostitution-102.html

Die Programmzeitschrift „Prisma“ hat dazu einen überraschend guten Online-Artikel geschrieben: https://www.prisma.de/news/TV-Doku-Bordell-Deutschland-Prostitution-gefahrlicher-als-Krieg,15989489

Wer heute in Deutschland lebt und nicht wegschauen möchte (die November Pogrome jährten sich gerade erst…), sollte sich mit diesem Thema auseinandersetzen und die Doku schauen, die viele Facetten dieses unglaublich menschenverachtenden Verbrechens aufzeigt.

Ich möchte dazu beitragen, indem ich die Geschichte von Mia (Name geändert) erzähle.

Mias und das gelobte Land Deutschland

Wir lernten Mia im Dezember 2010 kennen. Drei Monate lang hatten wir uns darauf vorbereitet, die Frauen in den Bordellen unserer Stadt zu besuchen. Mit Tütchen voller Weihnachtsnaschereien und kleinen Geschenken bewaffnet standen wir unsicher vor den Türen der Bordelle und wartetetn auf Einlass. Von zwanzig Bordellen öffneten uns neunzehn ihre Türen. Wir wurden größtenteils sehr freundlich empfangen. Manchmal durften wir unsere Geschenke im Foyer an die Mädchen und Frauen verteilen. Manchmal wurden wir hereingebeten, bekamen etwas zu trinken angeboten und durften uns zu den Mädchen auf die Sofas setzen, in den Räumlichkeiten, in denen sie auf die Freier warteten.

Eines dieser Bordelle war eine ziemliche Absteige und dort trafen wir zum ersten mal auf Mia. Ich muss zugeben, dass ich, während ich auf dem Sofa dort saß, sehr stark darüber nachdenken musste, ob da irgendwelche Viecher krabbeln und dass ich nachher duschen und die Kleidung in die Wäsche geben würde – auch wenn es mitten in der Nacht war… Für Mia (und viele andere der Frauen) war unser Besuch ein echter Höhepunkt in ihrem Alltag. Die Frauen stürzten sich auf die Geschenke, schauten uns mit großen Augen an und versuchten mit ein paar Brocken Deutsch „danke“ zu sagen.

Bereits zwei Tage später (am ersten Weihnachtstag) rief Mia auf unserem „HerzZeichen“-Telefon an. Die Kommunikation verlief holperig, doch die Mitarbeiterin verstand, dass Mia raus wollte aus dem Bordell. Sie vereinbarten einen Treffpunkt und Mia erschien dort. Da keine Hilfsorganisation an den Feiertagen geöffnet hatte, entschieden wir uns dafür, die Polizei einzuschalten. An den Feiertagen wusste dort auch niemand weiter, und so entschied man sich, Mia in einem Hotel in einer benachbarten Stadt unterzubringen. Keine gute Idee, wie sich bald herausstellte. Mia war dort einsam, hielt es nicht mehr aus, und rief im Bordell an. Schnell hatten die dortigen „Zuständigen“ sie wieder abgeholt und Mia war wieder im Bordell.

Bald statteten wir „Mias Bordell“ einen weiteren Besuch ab. Wir erschraken, als wir Mia sahen. Sie hatte stark abgenommen, war nur noch Haut und Knochen und kuschelte sich eng an uns, als wir wieder auf jenem Sofa neben ihr saßen. Da wir im Bordell nicht offen mit ihr sprechen konnten, versuchten wir ihr mit den Augen zu signalisieren, dass sie uns vertrauen kann und wir helfen könnten.

Kurz darauf kam wieder ein Anruf, es wurde wieder ein Treffpunkt vereinbart. Mia erschien nicht. Ich weiß nicht mehr, wie oft sich das in der darauffolgenden Zeit wiederholte. Es wurden unzählige „Termine“ vereinbart, aber immer stand die HerzZeichen-Mitarbeiterin umsonst am Treffpunkt.

Ich bin so dankbar, dass wir nicht aufgegeben haben damals. Denn eines Tages, Anfang März, erschien Mia doch! Inzwischen hatten wir im Team verabredet, dass wir nicht wieder die Polizei zu Rate ziehen wollten. Leider hatte auch diesmal die Hilfsorganisation in der Stadt nicht geöffnet, so dass wir entschieden, die Sache selber durchzuziehen. Wir waren alle sehr aufgeregt, denn Mia war die erste Frau, der wir beim Ausstieg helfen konnten.

Eine Mitarbeiterin und ihr Mann versteckten Mia eine Woche lang bei sich zu Hause. Sie versuchten viel mit Mia (soweit mangels Sprache möglich) zu reden. Dabei erfuhren wir endlich etwas über Mias Geschichte. Mia kam aus Bulgarien, sie gehörte zum Volk der Roma. Ihre Familie arbeitete und lebte aber in einem südlichen Land Europas. Als Mia 16 Jahre alt war, lernte sie einen jungen Mann kennen und verliebte sich Hals über Kopf in ihn. Bald schlug er vor, dass sie zusammen nach Deutschland gehen könnten. Dort könne man viel Geld verdienen und sie träumten zusammen von einer goldenen Zukunft. Als Mia in Deutschland ankam, verkaufte ihr „Freund“ sie an ein Bordell in unserer Stadt. Vier Jahre lang musste sie dort essen, zusammen mit anderen Frauen in einem Raum schlafen und ihren Körper anbieten. Geld hat Mia dafür nicht bekommen. Sie wurde bedroht, geschlagen, vergewaltigt und wie Abschaum behandelt. Erst als sie uns bei unserem Weihnachtsbesuch traf, fasste sie Hoffnung, dass sie ein anderes Leben leben könne.

Ebenfalls kam heraus, dass Mia Gebärmutterhalskrebs hatte. Eine Form von Krebs, die oft entsteht, wenn eine Frau viel ungeschützten Sex mit unterschiedlichen Sexpartnern hat.

Das Ehepaar kümmerte sich sehr liebevoll um Mia. Sie erzählten ihr von Jesus und schenkten ihr eine Bibel in ihrer Sprache. Sie beteten mit ihr für Heilung vom Krebs. Nachts (sie konnte nicht schlafen, weil sie sonst ja auch nachts wach gewesen war) las Mia in der Bibel und räumte die Wohnung ihrer Gastgeber auf und um. Diese wachten morgens auf und konnten sich dann über die Neugestaltung wundern. Am Ende der Woche entschied sich Mia dafür, Jesus ihr Leben anzuvertrauen. Und sie ließ sich dazu überreden, Kontakt mit ihrer Familie aufzunehmen. Per Skype taten sie das dann – nach vier Jahren ohne jeglichen Kontakt. Es flossen Tränen auf beiden Seiten des Bildschirms und Mias Familie beschwor Mia, wieder zu ihnen zurück zu kommen.

Unser HerzZeichen-Team betete um Geld für den Flug. Bezahlen konnten wir ihn nicht aus eigener Tasche- wir hatten alle damals sehr wenig Geld. Eines Tages kam ein Anruf von einem Mann – einem ehemaligen Zuhälter – der von unserer Arbeit gehört hatte, als wir in seiner Gemeinde davon berichteten. Er sagte, Gott habe ihm aufs Herz gelegt, uns 100 Euro zu schenken. Wir waren fassungslos und dankbar. Dass Gott gerade so das Geld für Mias Flug bereitstellte, war uns ein Wunder. Die restlichen 50 Euro kamen durch weitere Spenden zusammen und ein paar Tage später verabschiedeten wir Mia auf ihren Flug Richtung Familie.

Die Mitarbeiterin, bei der Mia gewohnt hatte, skypte noch einige Zeit mit ihr. Und wir hörten davon, dass Mias Krebs einfach verschwunden sei. Die dortige Ärztin konnte ihn nicht mehr finden. Außerdem fand Mia in dem Land, in dem sie nun war, eine Gemeinde und auch ihre Familie ging nun in diese Gemeinde. Mia fand Arbeit in einer Fabrik. Bis heute lebt Mia dort, geht in die Gemeinde und arbeitet in der Fabrik. Inwieweit ihre seelischen Verletzungen verheilt sind, wissen wir nicht, dafür fehlen nach wie vor  die sprachlichen Möglichkeiten.

Mia ist eine Frau von Vielen, die Deutschland nur aus den Fenstern eines Bordells heraus kennengelernt haben. Mias Geschichte nahm eine glückliche Wendung. Für viele Frauen endet ihre Geschichte ganz anders. Ich bete und werbe darum, dass Menschen in Deutschland aufstehen und gegen dieses große Unrecht, das in unserem Land geschieht protestieren und angehen.

 

 

 

 

 

2 Gedanken zu “Bordell Deutschland -Mias Geschichte

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