girl-114441__340Er ist voll gut drauf. Mit Ben und Matze zieht er seit dem Vormittag durch die Kneipen. Ist sonst nicht so sein Ding, aber heute, heute muss gefeiert werden! Heute Vormittag waren sie noch mal kurz in der Schule. Die Abinoten wurden bekannt gegeben. Eine 1,3 hat er geschafft. Er ist stolz. Reicht zwar nicht ganz, um gleich mit dem Medizinstudium anzufangen, aber das macht nichts. Er hat ja seine Stelle als Bufdi schon sicher: Als Sanitäter auf Wangerooge. Da kann er Erfahrungen sammeln. Wird den Anderen um Einiges voraus sein, was die Praxis angeht. Besser kann die Zukunft gar nicht aussehen. Er, Paul, im Dienste der Menschheit unterwegs!

Sie sitzen im Tubakeller. Ben und Matze lästern gerade über einen Lehrer nach dem Anderen ab, während Paul sich in seinen Tagträumen als „Halbgott in weiß“ sieht. „Ärzte ohne Grenzen“ – da will er auch mal mitmachen. Fremde Länder, Abenteuer, den Menschen helfen, die nicht so privilegiert aufgewachsen sind wie er. Da reißt ihn Ben aus seinen Träumen: „Paule, nimm nochmal ’nen großen Schluck. Jetzt kommt der geile Teil des Abends!“

Lärmend brechen die Drei auf. Matze gibt seine dreckigsten Witze zum Besten und Paul muss heute über jeden Einzelnen so irre ablachen, dass er Seitenstiche bekommt.

„Ey, hör mal auf! Ich krieg‘ Seitenstiche.“ „Pfff!“, prustet Ben, „dann pass bloß auf, dass nichts entweicht, gleich bei den Nutten!“ „Haha“, ruft Matze, „stellt euch das mal vor: Gerade, wenn es heiß wird. Dann Paul so „Ppppppp“, und die Alte muss so tun, als ob sie angetörnt ist…“ Der Paul bezahlt die doch! Die muss liefern! Da kann der Paul so viel furzen, wie er will!“

Jetzt kriegen sie sich nicht mehr ein. Und versuchen sich gegenseitig mit den wildesten Furzgeräuschen zu übertrumpfen, während sie sich dem Bordell nähern. Nun wird Paul doch etwas mulmig. Er ist von den Dreien der Unerfahrenste. Knutschereien auf Feten und Blümchensex mit Kati, als sie noch zusammen waren. Das war es auch schon. Das mit dem Bordell hat Matze vorgeschlagen. Ist nicht sein erstes Mal, hat er gesagt. Die Ladies, die sind voll geil auf dich, hat er gesagt. Scharf sind die, und erfahren. Voll Porno halt.

Paul hat nichts gesagt. Sex gegen Geld. Findet er voll abartig, eigentlich. Aber heute? Heute ist Ausnahmezustand. Echt jetzt. Heute macht er alles mit. Und Matze hat doch recht. Die wollen das ja. Die kriegen ja ihr gutes Geld dafür. Ist’n ganz normaler Job für die! Und er stolpert hinter Ben und Matze her, durch die Eingangstür, die Stufen hoch, die mit rotem Teppich ausgelegt sind.

Sie sitzt auf dem Fensterbrett. Schaut runter auf die Straße. Ist noch nicht viel los. Später wird es wieder voller. Die Freier kommen dann noch kurz vorbei, bevor sie sich auf den Weg nach Hause machen, zu Frau und Kindern. Heute ist es schon richtig warm. Sehnsüchtig schaut sie nach draußen. Daheim…pexels-photo-721200 würde sie sich jetzt auf den Weg zum Strand machen. Mit Sweta und Luba, oder vielleicht auch mit Vlad. Sie denkt an den letzten Sommer mit ihm. Wie sie baden und er sie nass spritzt. Sie umarmt und mit sich unter Wasser zieht. An seinen salzigen Kuss im Meer. Sie ohrfeigt sich selbst. Nein! Das darf sie sich nicht vorstellen. Das wird nie wieder so sein. Selbst wenn sie jemals wieder zurückkommen sollte nach Rawda: alles wird dann anders sein. So Eine wie sie kann kein normales Leben mehr führen. Wird nicht mehr mit Sweta und Luba albern. Hat einen wie Vlad nicht verdient. Vlad und Sweta studieren jetzt in Sofia. Luba arbeitet im Restaurant ihre Vaters. Nur sie, sie war so blöd, nach Deutschland zu gehen. Wollte Geld verdienen als Kindermädchen. Deutsch lernen und dann in Deutschland studieren. Olesia hat ihr das alles in leuchtenden Farben ausgemalt. Und sie hat ihr geglaubt. Olesia, eine gute Freundin ihrer Tante. Olesia wird mir eine Chance verschaffen, hat sie gedacht. Sie habe da einen Freund, hatte die Freundin der Tante erzählt, der vermittele bulgarische Kindermädchen an reiche deutsche Familien in Berlin, Frankfurt und Köln. Bulgarinnen seien beliebt, hat Olesia erzählt, weil die noch richtig arbeiten würden. Waschen, kochen, putzen und die Kinder beschäftigen…

Das kann ich auch, hat sie gedacht. Voller Erwartungen hat sie sich auf den Weg gemacht, in das reiche Deutschland.

Aber da war keine reiche Familie in Deutschland. Als sie aus dem Transportert gestiegen sind, die Beine noch steif von der Fahrt, da waren sie auf dem Land, nicht in der Stadt. Das Haus, in das sie gebracht wurden, stand total abgelegen. In der Dunkelheit konnte sie kaum etwas wahrnehmen und hat sich erst keine Gedanken gemacht. Und ist da rein, mit den anderen Mädchen. Dann war sie plötzlich alleine in einem Raum mit zwei Männern. „Du unterschreibst hier!“, haben sie gesagt. Da hat sie Angst bekommen. Wusste plötzlich, was die wollten. Hat die Tür gesucht. An den Haaren haben sie sie zurück in das Zimmer gezogen. Und dann haben sie es beide mit ihr gemacht. „So, nun du weißt, wie das geht!“, hat der eine zu ihr gesagt und hat ihr den Vertrag unter die Nase gehalten. „Du unterschreiben. Sonst nochmal. Und dann mehr Männer dabei! “

Sie kauert sich zusammen, auf dem Fensterbrett.

Spürt die alten Schmerzen in Bauch und Unterleib. Sie gehen nie wieder weg. Zwei Jahre Schmerzen. Manchmal denkt sie daran, abzuhauen. Die Tür ist ja auf unten. Sie kann gehen. Aber sie kann nicht. Sie weiß nicht wohin. Sie kriegt Panik, wenn sie daran denkt. Sie haben ihr gesagt: „Wir wissen von Felia, dein kleine Schwester. Olesia kennt sie auch. Du machst, was wir sagen, wir lassen in Ruhe.“

Sie schaut auf die Straße. Da kommen ein paar Jungs. Ungefähr ihr Alter. Ein bisschen betrunken, grölend und lachend. Der eine sieht ein bisschen aus wie Vlad, die schüchterne Sorte. Jungs wie die, die haben von nichts eine Ahnung. Gleich werden sie da sein. Sie hofft, dass sie den Schüchternen bekommt. Der wird nichts fordern. Vielleicht hat der sogar Angst. Kann sogar sein, dass er sie fragt, ob das o.k. ist für sie. Ob es schön ist. Und dann wird sie das sagen, was sie immer sagt, was man ihr eingeprügelt hat: „Ist schön mit dir. Ich machen gerne den Job. Ist gute Job, gute Geld.“

Sie wischt sich eine Träne aus dem Augenwinkel, schaut schnell im Spiegel nach. Sie macht sich ganz  hart im Inneren. Dann stellt sie sich in die Tür und lächelt ihnen zu. Sie ist heute voll gut drauf.

4 Gedanken zu “Heute voll gut drauf

  1. A terrible story, but so important to talk about it. You have written it so well! Thank you.

    Eine schreckliche Geschichte, aber so wichtig, darüber zu sprechen. Du hast es so gut geschrieben! Vielen Dank.

  2. Danke das du es so realistisch schilderst , aus den verschiednen Perspektiven! Das hat mich beim lesen voll abgeholt!

    Ich habe schon Frauen aus dem „Sex- Business“ in der Beratung gehabt, schrecklich! Egal ob aus dem Ausland „importiert“ oder verletzte deutsche Mädchen!

    Ich finde keine Worte, aber ein Gefühl dafür!
    Wut…
    …wütend auf die Freier, den ohne Nachfrage kein Angebot!
    …wütend auf die Medien, wie sie Sex einen Wert geben!
    …wütend auf das weg sehen!

    Und noch etwas kommt mir in den Sinn…
    Dankbarkeit!
    Für alle die sich engagieren und für diese Frauen da sind, helfen beim aussteigen, neue Zukunftsperspektiven zeigen und beim Neu- Start helfen!
    Für alle Spender an verschiedene Organisationen die alles geben!

    1. Ja – es gibt viele Helfer – aber immer noch zu wenige… und zu wenig Aufmerksamkeit. Das Thema scheint zu unwichtig, im Vergleich zu Rentenpolitik, Verteidigung und Wirtschaft. Und dieser „Wirtschaftszweig“ bringt viel Kohle in Deutschlands Kassen….

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