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Es war ungefähr zwei Uhr nachts, als das Telefon klingelte. Wir hatten noch keine Kinder, und waren gefühlt gerade erst eingeschlafen. Wer ruft einen bitte nachts um zwei Uhr an? Nach ein paar benommenen Sekunden begann der Adrenalineinschuss, denn nachts um zwei: das muss entweder ein Notfall in der Familie sein – oder ein Notfall in der Gemeinde. Jemand liegt im Sterben, jemand ist soeben verstorben oder jemand möchte gerade sterben und das schnell noch mitteilen. Das können Gründe sein, wenn nachts um zwei das Telefon bei Pastor und Pastorin klingelt. In diesem Fall war es die dritte Variante – wenn auch etwas anders als sonst schon mal.

Zum Glück griff mein Mann zum Hörer. Keine Ahnung, wie das Gespräch sonst verlaufen wäre…  Am anderen Ende der Leitung war ein männliches Gemeindmitglied. Alter so um die 60. Die Schimpftiraden drangen sogar bis zu mir. Der Alkoholdunst fast auch. Der Mann ereiferte sich über den unhaltbaren Zustand der Musik im Gottesdienst. Seine Empörung steigerte sich immer mehr und kulminierte dann, indem er meinem Mann durch den Hörer folgende Drohung zuschrie: „Wenn im Gottesdienst nicht alle Lieder wieder mit der Orgel gespielt werden, dann schmeiß ich mich tot vor die Kapelle!“ Dann legte er auf. Eine der Szenen menschlichen Miteinanders, die wir im Gedächtnis behalten, sollten wir jemals ein Comedyprogramm über das Leben in der Gemeinde schreiben.

Nächtliche Anrufe dieser Art sind nicht schön. Man schläft so schlecht hernach. Wir gehören zu den Pastoren, an denen Kritik jeder Art nicht abperlt, sondern ungefähr 4271mal innerlich durchkaut und überprüft wird. Dieses mal aber war mein Mann erstaunlich cool. Faszinierte ihn doch der Gedanke, wie der liebe Bruder im Herrn seine Tat praktisch umsetzen wollte. Sich selbst in totem Zustand vor die Kapelle schmeißen. Ja, manchmal hilft es, wenn man sich auf die Ironie einer Situation konzentriert…

Musik im Gottesdienst. Das ist so ein Thema, das mich langsam resignieren lässt. So viel Streit entzündet sich an diesem einen Thema. Es birgt das Potential für die Spaltung von Gemeinden. Ich bin inzwischen an einem Punkt angelangt, an dem ich des Themas so überdrüssig bin, dass ich ernsthaft erwäge, ob man Gottesdienst nicht auch ganz ohne Musik gestalten könnte.

Die einen wollen mehr moderne Lobpreismusik (Lobpreismusik: das sind geistliche Lieder mit modernen Texten und zeitgenössischer Melodie) im Gottesdienst. Die anderen mögen Lobpreismusik nicht und wollen „die alten Lieder“ singen. Einige wollen unbedingt die Orgel als Begleitinstrument haben, und verabscheuen E-piano, Schlagzeug und Bass. Andere können Orgelmusik per se nicht ausstehen. Connaisseurs können den Klang unserer Orgel nicht ertragen, nur den der Orgel von Sankt Bonifatius in Trier. Andere wiederum empfinden unseren „modernen“ Lobpreis als total veraltet, und bringen Namen von kontemporären, erfolgreichen, internationalen Bands ins Spiel: so muss das doch auch bei uns möglich sein. Wiederum andere (mein Gatte) empfinden körperliche Schmerzen dabei, wenn die Lobpreismusik stark dem Musikantenstadel und dem Liedgut einer H.F. ähnelt und die alten Lieder eine Melodie haben, die dem Geräusch von kratzenden Fingernägeln auf Schultafeln gleicht…

Ich erinnere gut einen Tag in unserem Arbeitsleben, an dem am Vormittag eine ältere Dame aus der Gemeinde sich über die unhaltbare moderne Musik beschwerte und wir abends zwei junge Frauen zu Besuch hatten, die andeuteten, dass sie möglicherweise austreten würden, weil ihnen die Musik im Gottesdienst nicht modern genug war. Und alle, alle denken, dass es die Aufgabe der Pastoren ist, nun dafür zu sorgen, dass endlich die „richtige“ Musik im Gottesdienst gespielt würde.

Mal ganz abgesehen davon, dass viele Wunschvorstellungen nicht umzusetzen sind, weil dafür die Musiker mit dem KnowHow fehlen… (In der Gemeinde, vor deren Kapelle sich beinahe jemand in totem Zustand selbst katapultiert hätte, gab es zu der Zeit gar keinen Orgelspieler mehr… und die meisten Gemeinden, die sich in einer Größe zwischen 60 und 150 Gemeindmitgliedern bewegen, haben nur wenige Musiker, die die Lobpreismucke von Hillsong, Rend Collective, Jesus Culture und Co kopieren könnten.)

Während ich das hier so schreibe, komme ich immer mehr zu dem Schluss, wie absurd die ganze Debatte eigentlich ist.Dabei verstehe ich es, dass die jungen Leute gerne moderne und ansprechende Musik im Gottesdienst erleben wollen. Alles andere ist peinlich in dem Alter. Ich verstehe es aber auch, wenn ältere Menschen die Lieder vermissen, die sie in ihrer Jugendzeit einfach gut fanden, und die sie an goldene Zeiten und schöne Erlebnisse mit der Gemeinde und dem Glauben erinnern. Nur lässt sich beides nicht vereinen. Wir versuchen seit Jahren, eine Mischung zu finden, die beiden Bedürfnissen (es gibt sicherlich noch mehr Bedürfnisse, aber das sind die zwei groben Richtungen) zugute kommt. Dooferweise geht der Kampf aber weiter, weil beide Bedürfnisgruppen sich immerzu stark unterrepräsentiert fühlen.

Alle Jahre wieder kommt das Thema auf den Tisch. Auch alle zwei Jahre, wenn die Zusammensetzung der Gemeindeleitung neu gewählt wird, ist es wieder aktuell. Für mich ist es so unaktuell und zäh wie altes, steinhart gewordenes Lakritz, welches ausversehen im Karton mit den Schuhputzsachen gelagert wurde. (Wir putzen unsere Schuhe alle ein bis zwei Jahre…)

Ich mag Musik. Ich lehne sie keinesfalls ab. Beinahe hätte ich Musik studiert. Ich höre zuhause Musik. Ich glaube, dass eine gute Anbetungszeit mit Musik im Gottesdienst viel bewirken kann. Ich glaube, dass in solch einer Anbetungszeit sowohl ältere Lieder als auch ganz neue Kracher Platz haben können. Ich glaube, dass die Güte und  der Einfluss einer Lobpreiszeit auf die geistliche Atmospäre im Gottesdienst aber eher von ganz anderen Faktoren bestimmt wird.

Ich bin manchmal an dem Punkt, an dem ich nachdenke, ob wir Musik überhaupt im Gottesdienst brauchen. Ob es nicht besser wäre, Anbetung anders zu gestalten. Denn manchmal habe ich den Eindruck, dass diese ganze Diskussion um die Musik uns nicht nur unzufrieden macht und zu Streit führt. Sondern dass sie auch dazu führt, dass wir uns gar nicht mehr auf den konzentrieren, um den es geht, wenn wir singen. Wir singen und musizieren im Gottesdienst doch nicht, damit es uns gut geht, Spaß macht, wir eine gute Zeit haben. Toll, wenn das als Nebenprodukt auch dabei herauskommt, und Gott hat uns die Musik sicherlich gegeben, weil sie uns emotional abholt.

Aber eigentlich geht es doch bei der Anbetung im Gottesdienst um die Anbetung Gottes. Um die Anbetung Jesu.

Bei all den Diskussionen aber geht es um uns. Um die Musik und ihren Stil. Um das, was ich haben will, weil es mir gefällt. Weil ich meine, erst dadurch in eine geistliche Stimmung zu kommen. Wenn das die Schlagrichtung ist, dann wird Musik zum Götzen. Dann drehen wir uns um sie. Brauchen sie. Verlangen nach ihr. Streiten für sie. Anstatt mithilfe der Musik Jesus anzuschauen. Jesus groß zu machen. Nach ihm zu verlangen und für ihn zu streiten.

Warum gehört das Götzenverbot zum ersten Gebot? Weil es zu unserer menschlichen Natur gehört, Götzen zu suchen. Homo idolatricus… Wir suchen uns Götzen überall, ohne dass wir es groß bemerken: Geld, Sport, Kunst, Politik, Stars… Unser Ruf, unsere Sicherheit, unsere Beziehungen… Und eben auch: unsere Musik im Gottesdienst.

Du brauchst nicht abhängig zu sein, sagt das erste Gebot. Nichts soll deine Aufmerksamkeit, deine Kraft, deine Liebe und deine Leidenschaft ans sich binden. Nur einer ist das wert: Richte deine Aufmerksamkeit, deine Kraft, deine Liebe und deine Leidenschaft auf den, der dir seine Aufmerksamkeit ungeteilt zuwendet, dem nichts entgeht, der die Haare auf deinem Kopf zählt. Der dir Kraft gibt. Der dich über alle Maßen und bedingungslos liebt. Der dich so leidenschaftlich liebt, dass er bereit ist, für dich zu sterben.

Gerade in der Anbetung geht es doch um ihn: Jesus. Wir lieben ihn da zurück.

Als wir damals in Wuppertal anfingen, zu den Frauen im Rotlicht zu gehen, sagte eine Mitarbeiterin zu mir: Ich erlebe auf unseren Gängen die Gegenwart Gottes viel stärker als in unseren Gottesdiensten. Eigentlich ist das mein Gottesdienst.

Gottesdienst und Anbetung. Ohne Musik möglich? Genauso wertvoll und tief? Ich glaube, das ist möglich, weil es bei der Anbetung darum geht, Jesus unser Herz und unsere ungeteilte Liebe und Kraft zuzuwenden. Und das Geheimnis ist, dass wir dann all das im Überfluss bekommen, was wir brauchen und sehnen.

Ich fände es schade, so ganz ohne Musik im Gottesdienst. Aber besser als das, was uns entzweit, einige am Sonntag morgen mucksig drein schauen und sich nicht lösen lässt, wäre es schon. Wenn es uns gelingen würde, unsere ungeteilte Augmerksamkeit und Liebe in Gemeinschaft auf Jesus auszurichten, mit oder ohne Musik, was wäre das für ein Gottesdienst! Ich schätze, einer, der Jesu Herz berühren würde. Und das bliebe nicht ohne Auswirkungen auf uns. Da bin ich sicher.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

2 Gedanken zu “„Ich schmeiß mich tot vor die Kapelle…“

  1. Und der Teufel Klatsch Applaus und sagt sich : die Gemeinden zerstören sich von allein, ich war schon 2000 Jahre in keiner Gemeinde mehr:)!
    Die Debatte um Musik kenne ich aus meiner Gemeinde auch zu genüge… bei uns sind es die Stimmen und die Übergänge der Lieder die den Geschwistern auf den „Sack“ gehen, wenn sich jemand bei mir über den Lobpreis beschwert sage ich immer: „ Lobpreis ist nicht für dich, Lobpreis ist für Jesus!“
    Be blessed meine Liebe 💕

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