WP_20180311_14_42_13_Pro_LI© B. Peter

Bianca war eine der schönsten Frauen, die ich jemals gesehen habe. Ich lernte sie 1997 kennen, in einer Gruppe für Frauen, die sexuell missbraucht worden waren und Heilung suchten. Ich war neu in Berlin, neu in der Gemeinde dort, und Sandra, die Leiterin der Gruppe hatte mich angesprochen, ob ich dort mitarbeiten wolle. Zuerst hatte ich nein gesagt. Ich befand mich damals selber in einem Aufarbeitungsprozess und konnte mir erst einmal nicht vorstellen, mich mit diesem schweren Thema gerade jetzt auseinanderzusetzen. Doch ein paar Tage später redete Jesus zu mir und überzeugte mich vom Gegenteil. Bianca war eine Teilnehmerin in der Gruppe. Sie war nie zu übersehen. Schon ihr auffallendes Äußeres zog alle Blicke auf sich, aber Bianca fiel auch durch ihr Art auf. Sie war so zerbrochen und so stark zugleich. Auch sie war neu in dieser Gemeinde, und sie stand dem Glauben an Jesus noch skeptisch gegenüber, doch sie war auch fasziniert und saugte alles, was gesagt wurde, sichtbar in sich auf. Sie war ehrlich und mutig, und  erzählte bald in der Gruppe und auch später in der Freundschaft, die sich zwischen uns entwickelte, immer mehr von sich und ihrer Geschichte.

Bianca war von Vater und Mutter sexuell missbraucht worden, solange sie denken konnte. Auch ein Onkel verging sich an ihr. Im Kleinkindalter brachte ihre Mutter die kleine Bianca zu einem Kinderarzt, und ließ sie regelmäßig für ein paar Stunden dort bei ihm. Sie hatte ihre Tochter verkauft – an diesen Arzt, der auf kleine Mädchen stand. Der Missbrauch zog sich weiter durch Biancas Leben. Immer wieder geriet sie an Menschen, die sie missbrauchten. Mitschüler, Bekannte und Männer, von denen sie sich eine liebevolle Beziehung erhofft hatte.

Oft wenn wir miteinander sprachen, sagte sie: „Bettina, ich bin so zerbrochen! Ich fühle mich wie ein Haufen Scherben, den man auf den Müll geworfen hat.“

Doch Bianca gewann auch Hoffnung. Hoffnung in Jesus, der das, was in ihr zerbrochen war, heil machen konnte. Ich habe nur wenige Menschen erlebt, die sich so in ihren Heilungsprozess stürzten, wie Bianca es tat. Sie schaute schonungslos auf das, was schmerzte, weil sie wollte, dass es heilte. Und das immer der Nähe von Jesus. Bald wurde Bianca mir, der Theologiestudentin, zu einem absoluten Vorbild im Glauben. Und sie ist es immer noch. Jesu Nähe suchen. Heilung suchen. Heilung in Jesu Nähe suchen. Jesus alles vor die Füße werfen. Nicht um Jesus rumschleichen aus Angst, sondern die Angst durchbrechen und vor ihm sein mit dem, was mir so Angst macht.  Oh – wie sie mir das vorlebte.

An einem Sonntag Morgen vermisste ich Bianca im Gottesdienst unserer Gemeinde. Kurz vor Schluss kam sie dann doch noch dazu. Und nachher erzählte sie mir, warum sie so spät gekommen war. Es war ein Sonntag, an dem es Abendmahl im Gottesdienst gab. Und das war ein Problem. Denn Bianca fühlte sich so schmutzig. Zu unwürdig, das Abendmahl zu nehmen. Und auch biblische Wahrheiten, dass jeder kommen und Abendmahl nehmen darf, so wie sie oder er ist, halfen hier nicht weiter. Bianca war zu Hause in ihren Gefühlen stecken geblieben. Sie wollte zum Gottesdienst, aber sie konnte nicht. Zu stark war das Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit, der Wertlosigkeit.

Und dann machte Bianca das, was sie immer in solchen Situationen tat. Sie berichtete mir davon: „Bettina, ich bin lange um Jesus herumgeschlichen, in weiten Kreisen. Ich hab mich so geschämt. So schmutzig gefühlt durch all das, was sie mit mir gemacht haben. Und dann habe ich Schluss gemacht mit dem Herumschleichen. Ich habe mich auf meinen Teppich im Wohnzimmer gekniet und geheult und mich Jesus vor die Füße geworfen, mit all dem, wie ich mich fühlte. Und dann zeigte er mir ein Bild.“

Das Bild, das Bianca gesehen hatte, war folgendes: Eine Vase, die kaputt war. Es waren Risse darin und es fehlten ganze Stücke, so dass Löcher in der Vase waren. „So habe ich mich gefühlt. Völlig kaputt.“ Und dann änderte sich das Bild. Aus der Vase heraus kam ein warmes Licht. Es drang durch die Ritzen und Löcher und es erhellte das Umfeld der Vase. Plötzlich sah die Vase wunderschön aus, und sie war alles andere als unnütz und unbrauchbar. Gerade ihr Risse und die fehlenden Stücke dienten nun dazu, dass das Licht, dass in ihr war, sichtbar wurde.Und Jesus sprach zu Bianca und sagte ihr, dass sie für ihn wunderschön sei. Und dass er ihre Wunden und ihre Zerbrochenheit nicht gering achtete. Gerade dadurch wollte er sein Licht scheinen lassen. Er betrachtete Bianca mit Liebe, und in seinen Augen war sie wertvoll und voller Würde.

Dieses Bild fiel in Biancas Herz, und es machte viele Wunden heil. Und deshalb war sie noch gekommen, hatte das Abendmahl noch genommen und hatte mein Herz berührt, mit ihrer Geschichte. Bianca hat nicht nur mein Herz berührt. Weiterhin wurde sie immer heiler und ihr Licht strahlte. Bianca entwickelte eine wunderbare Gabe der Seelsorge und sie konnte so direkt in die Herzen von Menschen sehen, dass es mich oft sprachlos gemacht hat.

Das Licht Jesu scheint in unsere Dunkelheit und Zerbrochenheit.Und es scheint gerade dort, wo wir zerbrochen sind und waren. Jesus trug unsere Krankheit, unsere Sünde, unsere Schmerzen. Er trug auch unsere Wunden und unsere Zerbrochenheit an dieses Kreuz auf Golgatha. Er nahm sie mit sich in seinen Tod.   – Doch dabei blieb er nicht stehen. Mitten in unsere Zerbrochenheit scheint sein Licht und sein Leben. Und er verwandelt uns – mit allem was uns ausmacht – in wunderschöne Gefäße – wunderschöne Menschen, durch die seine Liebe hindurchstrahlt.

DSCF8239.JPG©André Peter

(Bianca und Sandra sind Decknamen – zum Schutz ihrer Privatsphäre)

 

5 Gedanken zu “Zerbrochene Gefäße

  1. Zuerst einmal freut es mich, dass du nun meine fünfte Followerin bist. Ich finde es toll, wenn jemand meine Texte liest.
    Obwohl ich Atheist bin und an keine übersinnlichen Geschöpfe glaube, finde ich es großartig, wenn die Idee eines rettenden Jesus missbrauchten und gequälten Frauen so helfen kann, dass sie neuen Lebensmut schöpfen. Aus meiner Sicht ist es zwar das eigene verborgene Ich, das in großer Energieaufbietung eine Heilung möglich machen kann, aber jeder soll das so interpretieren, wie es für ihn richtig ist. Wenn es Jesus ist, der das tut, ist das wunderbar. Ich setze mich mit der Gottesidee in vielen meiner Texten auseinander, oftmals etwas ironisch, aber: Entscheidend ist nur, dass jeder die Hilfe bekommt, die er braucht – woher diese auch stammen mag.
    Nächste Woche veröffentliche ich übrigens eine Lobeshymne auf die Weiblichkeit 🙂
    Liebe Grüße aus München
    Toni (mit mir hast du nun auch einen neuen Follower)

  2. Hi Toni, danke dir für den netten Kommentar. Wie du dir vielleicht schon denken kannst, sehe ich die Sache mit Jesus anders. Ich freue mich sehr, dass du nun hier dabei bist. Deinen Artikel über Heidi K. habe ich mit großem Genuss gelesen und bin gespannt auf den angekündigten Beitrag. LG aus Süddänemark 😉 Bettina

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