wp_20180513_09_13_47_pro_li1.jpg© B. Peter  (nur ein kleiner Ausschnitt des 200 000 Kerzen-Zimmers)

Nur wer loslässt, hat die Hände frei, um Neues zu empfangen. Und manchmal stellt sich das neue Empfangene als so anders und so wertvoll heraus, dass man sich mit dem Gedanken, dass auch dies einmal loszulassen sein wird, sehr schwer tut.

Mit Kindern ist das auf jeden Fall so. Als Eltern, besonders als Mutter (heute ist ja Muttertag) muss man so Einiges loslassen, wenn ein Kind kommt. Eine durchschlafene Nacht, traute Zweisamkeit im Alltag und Urlaub, Zeit für sich selbst… all das beamt sich mit der Geburt des Kindes in unerreichte Weiten des Universums. Der Körper (zumindest der der Frau) verändert sich, und so manches IQ Pünktchen löst sich in Schlaflosigkeit, Stilldemenz und Kleinkindersorgen erst einmal (zum Glück nicht unwiderbringlich) auf.

Für mich war es wichtig, dass ich die Kinder zuhause betreuen und prägen konnte, und sie erst nachdem sie drei Jahre alt wurden, in die Kita geschickt habe. Den Nachmittag verbringen sie bis heute zuhause. (Ich will hier keine Debatte vom Zaun brechen, was besser ist: Eigen- oder Fremdbetreuung – und ich akzeptiere und nachvollziehe wohlwollend andere Lebensentwürfe 🙂 ) Für uns als Familie – und für unsere Kinder speziell – war das genau richtig.

Losgelassen habe ich damit vorübergehend den Beruf. Die Routine im Beruf. Gesehen zu werden. Zeigen zu können, was ich kann. Zumindest für eine Zeit. Und das war nicht immer leicht. Denn ich liebe meinen Beruf. Ich liebe Herausforderungen. Und vor Allem liebe ich es, mir immer wieder Neues zu erarbeiten und in neue Felder vorzudringen. Das hat lange auf Eis gelegen.

Und noch heute ist es so, dass ich mit meiner kleinen Teilzeitstelle immer wieder verzichte. Hergebe. Loslasse.

Was ich gewinne, ist all das wert. Ich will es nicht verkitschen und beschönigen. Manchmal bin ich genervt. Manchmal sehne ich mich nach etwas Anderem. Manchmal bin ich einfach nur müde und gelangweilt. Manchmal wünschte ich mir das Gehalt von zwei Stellen. Oder wenigsten eineinhalb. Ja.

Und doch ist es das wert. Sind sie das wert. Diese zwei (mittel)kleinen Menschen, mit ihren ganz besonderen Eigenarten und Bedürfnissen. Mit ihrem (sehr unterschiedlichen) Charakter. Mit ihrem (noch) großen Bedürfnis nach Zeit mit uns. Und Zeit mit mir, ihrer Mutter.

Die Gespräche schulen mich. Unser großer Sohn stellte schon mit drei Jahren Fragen über den Tod, die sich gewaschen hatten. (Dafür konnte er seine Schnürsenkel zu der Zeit – und auch längere Zeit danach –  nicht zubinden, was die Kitamitarbeiterinnen sehr besorgt über seine geistige Entwicklung stimmte…) Später über das Böse an sich. Über Tierleid. Über Umweltzerstörung. Über Gott und den Glauben. Der kleine Bruder ist ein Zweifler vor dem Herrn. Und ein Liebhaber alles Schönen – besonders, wenn es mit zwischenmenschlichen Beziehungen zu tun hat.

Wenn sie Beide mal nicht die besten Homiletik-Dozenten sind, die ich je hatte. Wer hätte mich sonst dazu gebracht, die schweren Themen leicht verständlich und in einfacher, normaler Sprache auszudrücken.

Wenn sie beide mal nicht die besten Dozenten für praktische Theologie sind, die ich je hatte. Wer sonst würde mich so herausfordern, das vorzuleben, was ich predige und glaube. Und das ganz im Alltag. Denn in der Familie kann man nichts verstecken. Da muss der alltägliche Glaube, die Liebe, die Vergebung und Versöhnung, und auch die Feindesliebe (wie gehe ich mit Menschen um, die uns verletzen) sich zeigen.

Wenn sie mir beide mal nicht die beste Korrektur für mein Gottesbild sind, die ich je haben kann. Denn so, wie ich sie liebe, liebt mich Gott (mit den in der Bibel beschriebenen mütterlichen väterlichen Eigenschaften)…und noch mehr. Und da, wo ich versage, da versagt er nicht.

Und es gibt so viel… (und wahrscheinlich noch viel Wichtigeres), was ich noch anfügen könnte. (Übrigens gewinne ich auch wieder an IQ Punkten hinzu, wage ich zu glauben. Mathe, Englisch, Bio und Co in einem (ja leider) G8-Zug zu begleiten, bringt die grauen Zellen dann doch wieder auf Trab. 😉 )

Heute war Reisedienst im Landesverband Nord. Das heißt, die Pastoren hatten regen Kanzeltausch. Netterweise hat den mein Kollege, der auch mein Gatte ist, übernommen, und ich konnte ein wenig länger schlafen. Ich war trotzdem noch sehr müde, als der Wecker klingelte, und ich zwei Sekunden später zwei eifrige Jungs neben meinem Bett stehen sah. Noch verschwommen zwar, aber eindeutig zwei Jungs. Ich selber hatte den Muttertag über Nacht vergessen. Meine Söhne dagegen nicht. Schön haben sie den Frühstückstisch hergerichtet, und mich sehr geehrt. Ungefähr 200 000 Kerzen brannten (was ich zum Glück erst bemerkte, als ich direkt davor stand – und das ersparte mir (diesmal unnötige) Muttersorgen) – und kreative Geschenke warteten auf mich.

Losgelassen – Liebe und Lachen empfangen:

 

WP_20180513_09_14_32_Pro_LI© Bettina Peter (daran werde ich denken, wenn sich die nächste Familienepidemie einstellt)

 

 

 

 

2 Gedanken zu “Loslassen und empfangen

  1. Liebe Bettina, du sprichst mir ganz aus dem Herzen und ich habe herzlich gelacht über die geniale Liebeserklärung, da hat einer echt klug nachgedacht und eine gegen unendlich gehende Größenordnung gefunden 🙂 . Ganz liebe Grüße, Jojo

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