Gestern simste mich meine liebe Kämpferfreundin an. Voller Begeisterung schrieb sie darüber, dass wieder Dinge aufgedeckt wurden. Meine Kämpferfreundin kämpft seit 2011 – zunächst immer Gebet und nun immer konkreter. Das Kampffeld ist ein Schwieriges. Es geht um Kindesmissbrauch. Es geht um die Art von Kindesmissbrauch, die kaum Gehör findet in unseren Medien und in unserer Gesellschaft. Um organisierten Missbrauch an Kindern und um (kaum trennbar – alles ist irgendwie miteinander verwoben) rituelle Gewalt. Meine Kämpferfreundin hat einen langen Atem. Sie weiß, dass das, wofür sie kämpft keine Kurzstrecke, keine Mittelstrecke – ja nicht einmal ein Marathon ist. Es sind vielleicht 42 Marathons, oder vielleicht 42×42 Marathons… oder vielleicht 42x42x42…

Der Grund für die gestrige Freude meiner Kämpferfreundin war folgende Reportage, die am Dienstag im ZDF lief. Ab Minute 15:45 beginnt der Bericht über deutsche Männer, die mit Kindern von den Philippen Internetsex haben oder auch dorthin fliegen, um Kinder zu missbrauchen und zu quälen.  https://www.zdf.de/politik/frontal-21/frontal-21-vom-5-juni-2018-100.html

Der Bericht geht etwa eine halbe Stunde lang. Pflichtschuldig begann ich zu schauen, doch nach ein paar Minuten wurde ich unfassbar müde. Es war eine Art von Müdigkeit, die durch Mark und Bein geht, unaushaltbar und erschlagend. Und ich beschloss, mir diesen Film nicht zu Ende anzuschauen. Dann schon nach ein paar Minuten ahnte ich, zu wissen, was ungefähr darin vorkommt: Deutsche Männer und hauptsächlich philippinische Mädchen. Entsetzen über die Kaltblütigkeit der Täter, über deren Praktiken, und die große Leugnung, die mit diesem Thema einhergeht, aber langsam aufgebrochen wird.

Was die Reportage da berichtet, ist nichts Neues. Oder wusste eine oder einer von euch noch nicht Bescheid darüber?

Und das ist es, was mich so müde macht. Es ist gut, dass darüber berichtet wird. Aber wird es ewig dabei bleiben?

Warum gibt es keine abschreckend hohen Strafen? Warum ist das Entsetzen über diese Begebenheiten so groß, während das Interesse und die Wahrnehmung für die gleichen Taten, die in unseren Städten und sozusagen „vor der eigenen Haustür“ geschehen, so gering ist? Glaubt ernsthaft jemand, dass die Täter ihre Aktivitäten nicht auch hier ausleben? Unter uns?

Und spätestens da werden wir mit der großen Leugnung konfrontiert. Denn keine/r will wahrhaben, dass diese Art Verbrechen alltäglich unter uns geschieht. Dass es Menschen betreffen könnte, die man kennt. Dass es in meiner Gesellschaftsschicht passiert, genauso wie in jeder anderen.

Die #metoo Debatte ist eine gute – aber sie ist ebenso erschreckend, weil sie zeigt, dass wir noch ganz am Anfang stehen. Dass gerade erst realisiert wird, dass erwachsene Frauen oft Sexismus, Belästigung und Missbrauch ausgesetzt sind. Wenn das schon so eine große Erkenntnis ist, wird deutlich, dass wir noch ganz am Anfang sind.

Auch in Deutschland werden Kinder gehandelt. Um es ganz deutlich zu machen: Auch in Deutschland werden tagtäglich Kinder im Austausch für Geld oder andere Gefälligkeiten, Männern und Frauen mit pädophilen und/oder sadistischen Neigungen angeboten. (Schon der Begriff „Neigungen“ ist ein Euphemismus, der wieder auf die große Leugnung hinweist.) Diese Mädchen und Jungen kommen teilweise aus anderen Ländern. Der Film „Operation Zucker“, der großartig gemacht ist, behandelt das Thema. Auf youtube ist er zu sehen. https://www.youtube.com/watch?v=ilvwBF18i4Q

Auch da „Aufatmen“? Es sind ja Kinder aus anderen Ländern, die da gehandelt werden? Die Macher von „Operation Zucker“ haben einen zweiten Teil gedreht: „Jagdgesellschaft“. Hier geht es auch um deutsche Kinder als Opfer. Auf youtube ist er nicht mehr zu finden, dafür eine Aufzeichnung der Talkshow Maischberger, die damals zum Film ausgestrahlt wurde. https://www.youtube.com/watch?v=hkAPXLLIesw

Und auch dieser Film beleuchtet die Realität nur im Groben. Es sind nicht nur die Kinder aus schwierigen oder besonderen Verhältnissen, die Opfer werden. Das ganze Thema des „rituellen Missbrauchs“ bzw. der „rituellen Gewalt“ ist noch nicht mit erfasst. Denn da schwappt das „Grauen“ in das ganz normale Leben hinein. Und da ist noch so viel Leugnung. Desinteresse. Nicht hinschauen wollen.

Die Kinder von einst, die Opfer aus den 70er, 80er und 90er Jahren sitzen in meiner Seelsorge, und berichten von einem Grauen, das in alle den Reportagen und Filmen, die ich oben nannte, nicht berichtet ist. Das ist auch gut so, denn ist kaum auszuhalten und es so öffentlich zu machen, würde Menschen mit voyeuristischen „Neigungen“ entgegenkommen. Verkaufte Jungen und Mädchen von damals. Mädchen und Jungen, die aus „rituellen Kreisen“ stammen, meist, weil sie hineingeboren wurden, und es irgendwie geschafft haben, sich frei zu kämpfen. Oder gerade dabei sind. Ich hatte es bisher mit neun Menschen zu tun, die diesen schlimmsten der Hintergründe haben.

Rechnen wir das mal hoch. Sagen wir, in jeder Stadt in Deutschland gibt es vielleicht eine/n Seelsorger/in, Therapeuten oder Therapeutin, Pastor/in, Berater/in, die oder der sich mit diesem Thema auskennt. Zu ihnen kämen auch im Schnitt neun Menschen mit gleichem Hintergrund. Es gibt 2060 Städte in Deutschland. Das wären 209340 aktuelle Betroffene.

Und das wären ja nur die Betroffenen, die Hilfe suchen. Die geschafft haben, zu realisieren. Die es gewagt haben, sich mitzuteilen. Und in Städte wie Berlin oder Hamburg usw. gibt es sicher mehr HelferInnen, zu denen Menschen kommen. Man könnte weiter denken und weiter rechnen.

Und ich bin unfassbar müde.

 

 

10 Gedanken zu “Müde Krieger – Das ewige Leugnen

  1. Die Enttäuschung über die ewigen Stolpersteine und eine Hilflosigkeit, die einen wie ein Gummiband immer wieder zurückzieht, macht ein Vorankommen in diesem Kampf so schwierig. Ich finde es toll, dass deine Freundin nicht aufgibt und du ihr mit deinem wichtigen Beitrag eine Stimme verleihst und hilfst. Danke fürs Wachrütteln.

  2. Danke für deinen persönlichen Bericht und Einsatz!

    Gott segne die Kämferinnen und Kämpfer und gebe ihnen einen langen Atem!

  3. Danke, dass du trotz der Müdigkeit einen Artikel schreibst mit einem so tiefen Inhalt, mit einer so klaren Aussage. Und danke, dass du versuchst zu helfen. Solche Menschen braucht die Welt.
    Dass Verleumden und Wegschauen erfahre ich seit Jahren am eigenen Leib. Schön ist das nicht. Es macht eher wütend. Aber es ist auch schwierig. Je lauter geschrien wird, desto mehr wird weggesehen, habe ich das Gefühl. Aber ich bewundere deine Freundin, die Kämpferin. Und ich versuche auch zu kämpfen und gehört zu werden. Wir können die Welt vielleicht nicht in wenigen Jahren verändern, aber Fußstapfen hinterlassen, die in die richtige Richtung führen.

    Liebe Grüße

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