Wir hatten heute Spontanbesuch. Unangekündigt. Spontanbesuch beherbergen – das gehört nicht gerade zu meinen besten Disziplinen. Ich bereite mich lieber auf Besuch vor.  Da wir im Pastorat wohnen, klingelt es oft, und manchmal warten interessante Überraschungen auf mich, und sprengen meine Komfortzone ins Unermessliche. Was habe ich nur für originelle Geschichten gehört, von Menschen, die dringend Geld benötigen, weil das Auto gerade genau vor der Kirche liegengeblieben ist, und sie blank sind und nun Benzin kaufen müssen. (?)

Naja – und jede Menge sehr tragische familiäre Geschichten, die einem die Tränen in die Augen treiben könnten, wäre man nicht inzwischen ein paar Jährchen im Dienst und um einige Erfahrungen reicher – und um einige Illusionen und ungefähr einen Zentner Naivität ärmer. Noch heute kam per Telefon ein Gesuch um finanzielle Unterstützung von einer mir gänzlich unbekannten Person. Eine Stunde habe ich zugebracht, um herumzutelefonieren, ob an der Geschichte etwas dran sei. Es war nichts dran.

Egal – heute aber kam eine Königin zu Besuch. Ich wurde mir ihrer Anwesenheit vorerst mittelbar bewusst. Hatte sie doch, wie es sich für eine Königin gehört – ein paar Diener geschickt, um mir ihre Anwesenheit mitzuteilen. Ich erschrak ein bisschen – denn ich kann mir nichts Grausigeres vorstellen, als Besuch von einer mir unbekannten (und es gibt keine mir bekannten Damen dieser Stellung) Königin zu empfangen. Gehöre ich doch – wie viele meiner hochsensiblen Leidensgefährten – zu der Gruppe der hochgradigen Smalltalklegastheniker. Ich glaube, man kann sich mit mir sehr gut unterhalten: a) wenn man mich kennt und ich mein Gegenüber, b) wenn man über etwas tiefere Themen redet. Aber wenn mir mein Gegenüber gänzlich unbekannt ist, entsteht ein spontanes Vakuum in meinem Kopf, welches mich nur noch zu so hinreißenden Äußerungen, wie: „Aha“/ „Genau“ / „Ja, das kenne ich“/ „Nein“ befähigt. Das ist furchtbar. Während ich mich bemühe, wenigstens diese Äußerungen von mir zu geben, um dem Irrtum vorzubeugen, ich sei stumm, und ebenfalls den Verwicklungen, die daraus folgen mögen, sehe ich dank meiner hochsensiblen Begabungen zur gleichen Zeit direkt in das Gehirn und das Urteilsvermögen der anderen Person, und bekomme fast bildhaft mit, wie diese denkt: „Ist die laaaangweilig.“, und nach Fluchtmöglichkeiten Ausschau hält. Ich glaube bei Königinnen erginge es mir noch übler.

Die Königin muss diesen Umstand geahnt haben, und hat es vorgezogen, mich nicht persönlich zu beglücken. In meiner Wohnung war (oder ist) sie trotzdem. Sie ist wohl der Meinung, dass sie sich dies erlauben kann, aufgrund ihres adeligen Standes.

Genauer gesagt, befindet (oder befand – dies ist noch zu eruieren) sie sich gegenwärtig im Lüftungsschacht unseres Badezimmers. Wie oben ausgeführt, in bestimmten Situationen nicht gerade eloquent, aber doch extrem wehrhaft, habe ich ca. 10 – 15 ihrer DienerInnen erschlagen. Denn sie schwirrten in höchster Erregung in meinem Badezimmer umher und waren gar nicht friedlich in ihrem Tun. Es tut mir so sehr leid um diese Zeitgenossen. Denn eigentlich sind die DienerInnen einer Königin äußerst schutzwürdig, und wären sie nicht so sehr aggressiv gewesen, hätte ich sie unter einer Glasglocke eingefangen und im Garten freigelassen – so wie ich es üblicherweise zu tun pflege. Die Situation erforderte aber beherztes Zuschlagen, und dessen war ich mächtig. Immerhin.

Allerdings war mir zu dem Zeitpunkt die Ankunft der Königin mitnichten bewusst. Sie wurde es aber, als ich mich mit dem Fritz-Hund und den beiden Söhnen vor unsere Haustür begab, um einen Strandgang mit Bad für den Hund zu begehen. Denn da schwirrten etwa an die hundert DienerInnen der Königin herum, und sorgten für einen Geräuschpegel, der den Vuvuzelas, die aus der Stadt heraufklangen, Konkurrenz machten. Mit Wasserpistolen übten sich daraufhin auch meine Söhne ihrer Wehrhaftigkeit. Nur, dass es dann eher so eine Art Essigpistolen waren, mit denen unsere Hauswand gegen die feindliche Übernahme imprägniert werden sollte.

Ob unser Versuch geglückt ist, wissen wir noch nicht. Sagen wir, die Lage hat sich etwas beruhigt. Ab und zu schwirrt ein Bienchen vor unserem Badezimmerfenster und unter die Verkleidung des Daches, oder daraus hervor. Ob es einige letzte verwirrte DienerInnen sind, die nicht mitbekommen haben, wohin sich die hohe Dame begeben hat, als sie der Essiggeruch und die so wenig eloquente Gastgeberin die Nase rümpfen und das Weite suchen ließen? Oder ob es die ewig Emsigen sind, die bereits auf Blütensuche ausschwärmen? Noch ist dies ungewiss.

Aber eines ist sicher: Um den Smalltalk bin ich nochmal drum herum gekommen!

close up photo of insect
Photo by Egor Kamelev on Pexels.com

 

7 Gedanken zu “Eine Königin zu Besuch

    1. Danke dir, Katja! 🙂 Ja – das ist anchmal eine gräßliche Situation. Man hat so viele Gedanke und Eindrücke auf einmal, und nur so einen engen, dünnen Kanal, durch den dann nur diese stereotypen Allgemeinplätze passen, weil man auf die gerade noch so zurückgreifen kann 🙂 Und man beobachtet sich selbst und den Anderen dabei und ist sich der unbeholfenen Situation so sehr bewusst – was die Lage auch nicht besser macht… Aber zum Glück gibt es ja Menschen, die trotzdem irgendetwas in uns wahrnehmen und sich die Mühe machen, da genauer und länger hinzuschauen. Und dafür werden sie reichlich belohnt 😀

      1. Das stimmt. Ich brauche auch ganz schön lange bis ich auftaue und gerade in größeren Gruppen, wo ich keinen kenne, fällt es mir immer sehr schwer „meinen Senf“ dazuzugeben. Die Außenreize fluten mich dann so sehr, dass ich irgendwie nicht dagegenhalten kann und ich es kaum schaffe, mich zu öffnen.

      2. Ja – das kenne ich. Bei mir ist es so, dass ich gut predigen oder reden kann vor großen Gruppen und dann auch eloquent bin und spontan. Aber im kleinen Kreis in der persönlichen Begegnung brauche ich erst auch mal so ein Ankommen und dann auch ein sich sicher fühlen, bevor ich wieder „alle Tassen im Schrank“ habe. Ach – aber es ist gut, wenn man sich selbst kennt und weiß, dass man gute Freunde hat, die einen wertschätzen und über sich selber lachen kann 🙂

      3. Oh ja, das ist wirklich ein Glück, dieses Gefühl von Angekommen sein. Vielleicht weil wir uns beim Näherkommen auch erlauben, verletzlich zu sein und uns dem anderen mit all unseren Schwächen anvertrauen können, etwas das wir sonst lieber verbergen möchten.

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