WP_20180703_18_43_58_Pro_LI© B. Peter

In Bezug auf Klischees kann ich ja ganz oft nicht so mithalten. Und das Klischee, dass Männer wortkarg seien und nur wenig mit Sprache am Hut haben, bewahrheitet sich zumindest für die prägenden Männer in meinem Leben nicht.

Der erste prägende Mann in meinem Leben: mein Vater. Mein Vater erzählt gerne und viel. Ich würde sagen, er redet weitaus mehr als meine Mutter, und seine Anekdoten hatten und haben großen Unterhaltungswert. Wenn man sie nicht schon auswendig kennt. Aber selbst dann… Als Exportkaufmann hat mein Vater zeit seines Berufslebens viele Länder bereist. Darunter vor allem Amerika, Japan, Kanada und Russland und China. Als ich aufwuchs, so in den 70er und 80er Jahren, da hat das viel hergemacht. Mein Vater hat von seinen Reisen immer massenhaft Kaugummis mitgebracht: für uns Töchter, für die Kinder in der Sonntagschule und für gute Gelegenheiten. Das hat viel hergemacht, wenn man riesige Packungen BubbleGum aller Geschmacksrichtungen (damals sehr beliebt die roten mit dem sehr intensiven scharfen Zimtgeschmack) oder auch seltsame quabbelige und  bananige Stangen oder Seetangknabberzeugs in der Schule verteilte. Sowohl diese Kaugummis als auch japanisches Naschzeug gab es noch jahrelang nicht in Deutschland.

Aber das nur nebenbei. Das, was er vor allem von seinen Reisen mitbrachte, waren Geschichten. Geschichten über peinliche Zusammenstöße der Kulturen. Über skurrile Kollegen mit ihren ganz eigenen Macken, und deren Wirkung auf die amerikanischen und japanischen Kunden und Hotel/Restaurantangestellten usw. Über seinen sehr alten Chef, der immer seniler wurde und dessen sehr jungen Sohn, der immer überheblicher wurde. Und auch über eigene Missgeschicke und Peinlichkeiten. Meist wurden diese Geschichten beim Essen dargeboten, und gerne auch, wenn Besuch da war. Und sie waren wirklich größtenteils so komisch, dass wir uns vor Lachen kaum halten konnten, die Toilette in höchster Not aufgesucht werden musste, und schon mal Besteck und andere Dinge vom Tisch fielen, weil die Lachkrämpfe jegliche Körperkontrolle (siehe Toilette) verlieren ließen. Wir Töchter und meine Mutter kannten die Geschichten dann nach einiger Zeit schon recht gut, aber es war immer spannend, die Reaktion der Gäste zu beobachten.

Mein Vater also erzählt für sein Leben gerne Geschichten und er predigt gerne. Auch da nicht ohne Witz. Sprache ist da kein Problem. Jedoch hat auch er ein männliches Sprachproblem: Er kann sich keine Namen merken. Und unsere Nachbarin, Fräulein Birkenstock, redete er ständig mit anderen botanischen Familiennamenvarianten an: Frau Espelkamp, Frau Haseltrauch, Frau Ginsterbusch… Glücklicherweise war Fräuein Birkenstock, eine ältere Dame, welche völlig in sich ruhte und durch ein paar Namensverwirrungen nicht zu irritieren war. Sehr nett begrüßte sie meinen Vater stets mit seinem richtigen Namen: „Guten Tag, Herr Adel“ und schritt würdig ihres Weges. Wer weiß, vielleicht – sobald wir ihr Gesicht nicht mehr sehen konnten – brach sie dann regelmäßig in ein mädchenhaftes Kichern aus, und notierte sich die neuesten Namenswortschöpfungen zuhause in einem eigens dafür gekauften Notizbüchlein.

Weitere wortgewaltige, aber einstweilen verwirrte Männer in meiner Kindheit waren die verschiedenen Gastprediger, die unsere Gemeinde heimsuchten. Manche warfen mit Wortschöpfungen nur so um sich. Manche verwirrten die Gemeinde und mich mit künstlerischen Darbietungen um ihre Worte gewichtiger zu machen. Manch alter Herr von damals war seiner Zeit wohl weit voraus, und hat das schnöde starre Herumstehen und monotone Sprachmelodien wohl genauso abgelehnt, wie es heute Heerscharen von Pastoren und Predigtrednern tun. Den Namen habe ich vergessen, aber den lustigen, wohlbeleibten Herrn mit der weißen Wallemähne werde ich nicht vergessen: Er stand eines Morgens auf der Kanzel unserer Gemeinde, und sein ganzer Predigtstil war sehr unterhaltsam. Er predigte über das „Woarrrrrt“ Gottes. Viele Brüder- und Baptistengemeindler wissen genau, wovon ich rede und hören in ihrem Inneren das Wort „Woarrrrrt“ mit der gleichen stimmlichen und inbrünstigen Intensität, wie ich es meine. Das „Woaaarrrrrrt Gottes“, ist natürlich die Bibel. Die „Wooaaaarrrrrt“-Gläubigkeit hat heutzutage ein bisschen abgenommen, und deshalb verschwindet der stimmliche und inbrünstige Gebrauch des Wortes „Woaaarrrrt“ mit den Jahren immer mehr. Darüber muss man sich aber – so denke ich – keine Gedanken machen, außer man liebt auch so wunderbare Anekdoten wie jene hier:

Also: der lustige, ältere Herr predigte über das „Woaaart“, um dann in diesem Satze zu kulminieren: „Das „Wooooaaaarrrrt Gottes“, liebe Geschwister, das „Woaaarrrrt Gottes“ ist wie ein (und nun richtete sich dieser ältere Herr mit der weißen Wallemähne hinter der Kanzel so hoch auf, wie er nur konnte, hob die Arme und krallte seine Finger und brüllte) BRÜLLENDER LÖWE! (nachdem die Zuhörer ein wenig zusammengezuckt waren schauten sie fasziniert zu, wie der alte Mann sich nun duckte, trotz seiner Leibesfülle komplett hinter der Kanzel verschwand, um dann nach einigen Sekunden mit seinem Kopf und Oberkörper an der Seite der Kanzel hervorzuschauen und sehr laut zischelnd zu flüstern:) UND WIE EINE ZISCHELNDE SCHLANGE!“ Mehrer Sekunden lang war es sehr still im Raum. Das „Woaaarrrrt“ hatte seine Wirkung getan. Dann nach und nach kam hier und da (vor allem bei uns Kindern, den Jugendlichen und einigen sehr vergnügten Frauen) ein erst zaghaftes Kichern, und dann doch ein lauteres Gelächter zustande. In welches immer mehr Menschen mit einstimmten. Und auch der lustige alte Mann lachte verschmitzt mit, um dann (die Aufmerksamkeit der Gottesdienstbesucher hatte er sicher) weiter zu predigen. Inwieweit der Mann die Wirkung seiner schauspielerisch wertvollen Darbietung durchdacht hat – ich weiß es nicht, muss aber immer wieder einmal darüber nachdenken. Worüber er genau gepredigt hat, weiß ich gar nicht mehr. Aber was ich behalten werde, ist gewiss dieser eine Satz über das Wort Gottes – auch wenn er mir bis heute theologisches Kopfzerbrechen bereitet. Welches aber voll wieder wettgemacht wird durch die positive Wirkung, die skurrile Begebenheiten wie diese auf mich haben.

Der nächste, und geliebteste eloquente Mann meines Lebens ist der, mit dem ich bald auf den Tag genau 23 Jahre verheiratet sein werde. Dieser Mann kann auch wortkarg. Ja. Aber insgesamt gehört er wohl zu den sprachbegabteren Ausgaben seiner Art. Und manchmal hört es auch nicht mehr auf. Wenn er zum Beispiel seine italienischen Momente hat. Dann kann man machen , was man will, alles, was man tut und sagt, wird mit einer lässig maffiosomäßigen Stimme mit italienischem Akzent und italienisch-deutschem Sprachmix kommentiert. Meist ist das sehr lustig. Bis man nicht mehr kann und der Bauch zu sehr schmerzt. Predigen kann er auch. Auch sehr wortgewandt und interessant. Und intelligent. Die Witze, die mein Gatte auf der Kanzel reißt sind echt gut – vor allem trocken – leider meist für einen Teil des Publikums zu trocken. Aber es sind immer Einige dabei, die es mitbekommen und man hört von hier und da auffälliges Keuchen und manchmal auch kleine unterdrückte Aufschreie. Neulich musste meine Lehrerinnenfreundin, der solch Witz nicht verborgen blieb, furchtbar lachen, immer wieder unterbrochen von kleinen Aufschreien, nachdem sie vergeblich versucht hatte, sich wieder unter Kontrolle zu bekommen. So lange, bis fast die ganze Gemeinde lachte. Noch Wochen später kam immer wieder die Bitte, zu erklären, warum denn da so sehr gelacht worden war.

Der eloquente Mann an meiner Seite hat aber auch Tage der Sprachverwirrung. Da geht nix mehr. Da können Gegenstände und Worte keinesfalls mehr einander zugeordnet werden. Es geht einfach nicht. Dann bin ich gefragt: mit Hochleistungskombinieren. Was bloss meint er mit: „Gib doch mal die Pisse aus der Tube da.“ Zum Glück bin ich geschult, denn in unseren Flitterwochen vor ungefähr genau dreiundzwanzig Jahren, war das Gehirn dieses Mannes dermaßen reizüberflutet und überlastet – dass ich  während der zwei Wochen die meiste Zeit über herausgefordert wurde, das Wesen, was ich da geheiratet hatte, trotz Sprachverwirrung zu verstehen. „Gib doch mal die Pisse aus der Tube da“ – ganz einfach: „Gib mir mal das Wasser aus der Flasche.“ „Die Gurkenkelle“: das Paddel vom Kajak. „Die Schaluppen von der Praktikantin liegen noch in dem Schlauch da.“: Die Praktikantin hat ihre Ballerinas im Flur vergessen, als sie ging…

Die meisten schönen Wortverwechslungen vergesse ich leider, denn ich gehöre zu denen, die sich zwar vornehmen, es sich unbedingt nachher aufzuschreiben, es aber nie tun. Doch Eines haben die Söhne und ich nicht vergessen: Neulich saßen wir am Esstisch und wollten endlich anfangen. Da ruft der Mann entgeistert: „Wir haben die Klosterfrau vergessen!“

Seitdem heißt „das Ding“ bei uns „die Klosterfrau“. Und es geht mitnichten um ein Getränk. Gerne darf geraten werden, wofür das Synonym Klosterfrau bei uns nun steht. Ich wette, es wird sehr lange dauern, bis irgendjemand darauf kommt!

 

 

 

3 Gedanken zu “Die große Sprachverwirrung #1 – prägende Männer meines Lebens und der schmale Grad zwischen Eloquenz und Wortfindungsschwierigkeiten

  1. Als Mann, dem manchmal nachgesagt wird, er rede so/zu viel, spricht mir der Artikel aus der Seele 😀 Ich wäre gerne dabei gewesen, wie dein Vater so viele Geschichten erzählt. Ich liebe Menschen, die mitreißend Geschichten erzählen, da könnte ich stundenlang zuhören :))

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