WP_20180904_18_15_17_Pro_LI© B. Peter

Meine Freundin ist Deutsche. Ihre Hautfarbe ist dunkel. Die Mutter meiner Freundin war Deutsche. Ihr Vater war Nigerianer. Deshalb hat die Haut meiner Feundin einen schönen, warmen Braunton.
Meine Freundin ist in Deutschland geboren, zur Schule gegangen und hat als Krankenschwester in Deutschland gearbeitet. Sie hat geheiratet, ist Mutter von vier wunderschönen Kindern, und schafft es nebenbei noch, immer wieder kleine Babys (deren Hautfarbe meistens sehr hell ist) in Pflege zu nehmen, die von ihren Müttern in die Babyklappe gelegt wurden. Während die Mütter eine Chance haben, sich noch einmal zu überlegen, ob sie ihr Kind nicht doch zu sich nehmen wollen, hat meine Freundin schlaflose Nächte. In diesen füttert sie die Säuglinge alle zwei Stunden mit der Flasche, wickelt sie, trägt sie umher. Und dann, wenn die Mutter sich für das eigene Kind entscheidet, freut meine Freundin sich und weint dabei, weil ihr und ihren Kindern das Kleine schon ans Herz gewachsen ist, und sie es vermissen werden. Außerdem engagiert sich meine Freundin aktiv gegen Menschenhandel.
Neulich rief mich meine Freundin sehr aufgelöst an. Sie berichtete mir von einem Fest des Fußballvereins, in dem auch ihre Jungs spielen. Sie stand neben ein paar Eltern, die sich darüber ereiferten, dass man heutzutage nicht einmal mehr in Ruhe und Frieden „Negerkuss“ sagen könne. Das ginge nun wirklich zu weit, sagten diese Eltern und fühlten sich sowohl in ihrem Recht als auch in ihrem Sprachgebrauch eingeengt.
Meine Freundin weinte am Telefon und sagte mehrmals: „Ich stand direkt daneben!“ Für sie war dieses Erlebnis und auch die Denkart der Eltern demütigend, und sie fühlte sich ausgegrenzt.

Vor ein paar Tagen war ein Posting auf facebook zu lesen. Darin wurden alte deutsche Sprachgewohnheiten verteidigt. Der Weihnachtsmarkt und das Christkind. Und eben auch das Recht darauf „Negerkuss“ sagen zu dürfen, anstatt Schokokuss.
Der Sinnspruch, in dem dieses Recht eingefordert wurde, schrie dem Leser in großen Lettern entgegen, wir unfassbar die Anmassung sei, diese wunderbaren Wörter nicht mehr gebrauchen zu dürfen und dass man sich diesem Trend mit Empörung und Nachdruck entgegenstelle. So kam es bei mir an. Inzwischen ist der post gelöscht.
Ich entdecke in letzter Zeit einige solcher Spruchbilder und Diskussionen, die um den Schokokuss kreisen. Und immer verteidigen sie das Recht darauf, „Negerkuss“ sagen zu dürfen.

Es ist schon komisch, die Verteidiger des Begriffs „Negerkuss“, so dünkt mich, empfinden sich als Menschen des Widerstands. Die die alten Worte vor einem Ersatz durch neue Begrifflichkeiten schützen wollen. Dass es dabei um „gutes altes Deutsch“ als Sprache geht, scheint der Vorwand zu sein. Das greift jedoch auch nicht immer, wie man an dem Wort „Schokokuss“ oder „Schaumkuss“ ohne Mühe nachvollziehen kann, denn hier werden keine Anglizismen eingeführt. Der alte, anstößige Begriff wird durch neue Begriffe ersetzt, deren Herkunft eindeutig der deutschen Sprache zuzuordnen ist. Man fragt sich also, worum es hier eigentlich geht. Es kann dann doch nur die Empörung darüber sein, dass man sich von alten Sprachgewohnheiten trennen muss, um neue zu finden, die niemanden verletzen oder demütigen.
Es ist also im Kern ein Widerstand gegen einen freundlichen und respektvollen sprachlichen Umgang.

Und nun kommt die weiße Rose ins Spiel. Ein Symbol des Widerstands gegen die Nationalsozialisten während des zweiten Weltkriegs. Die Gruppe um Hans und Sophie Scholl. Zum 11. Geburtstag wünschte ich mir mein erstes eigenes Buch über die „weiße Rose“, und es folgten im Laufe der Jahre weitere.
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Den Briefwechsel der Geschwister habe ich verschlungen, und war heimlich ein bisschen in Christoph Probst (oder sein Photo) verliebt. Aus welchem Grund die Gruppe junger Widerständler sich den Namen „weiße Rose“ gegeben hat, kann man heute nicht mit Sicherheit sagen. Jedoch wird der Name seitdem mit der Gruppe der Widerständler und dem Widerstand gegen Nationalsozialismus, Faschismus und Antisemitismus assoziiert.

Björn Höcke und seine Freunde pervertierten vor ein paar Tagen dieses Symbol. Sie riefen zu einem Trauermarsch in Gedenken an den gewaltsam zu Tode gekommenen 35jährigen Chemnitzer auf. Es sollte schwarz getragen werden. Fahnen in schwarz-rot-gold seien erlaubt, und eben eine weiße Rose als Zeichen der Trauer. Wer hier annimmt, die weiße Rose hätte tatsächlich nur Trauer ausdrücken sollen, versteht vermutlich nicht die Zeichen der Zeit. AfD & Co etablieren seit langer Zeit das Bild eines anderen Widerstands. Sie propagieren den Deutschen als Opfer der Asylpolitik. Nationalsozialistische Äußerungen und Aktivitäten werden umgedeutet, als Kampf der Guten gegen die Bösen. Als Kampf der Bewahrer einer deutschen Identität gegen ein Feindbild von böswilliger Überfremdung. Stringent war die Symbolik und Logik dieses Widerstands selten. So schafft man es auch, den gewaltsamen Tod des Chemnitzers mit deutschen und kubanischen Wurzeln, der während einer Messerstecherei mit zwei Asylsuchenden geschah, zu benutzen, um Deutschland und die „Deutschen“ zu verteidigen. Ob der 35Jährige ohne seinen Tod zu einem Symbol der Sache der Nationalsozialisten geworden wäre, ist höchst fraglich. Ob er das Theater, welches da zelebriert wurde, gut geheißen hätte, ist es ebenso.
„Der Widerstand sind wir.“ Das ist die Botschaft, die verbreitet wird. Und frech wird sich des Symbols der weißen Rose bedient, die doch eigentlich genau das Gegenteil symbolisiert.

Auch den Begriff „Negerkuss“ zu verteidigen, gehört, die Bilder sprechen eine deutliche Sprache, zu diesem pervertierten Widerstand.
Das Argument, man denke sich doch nichts dabei, es sei einfach eine Gewohnheit und die Mühe eines Umgewöhnungsprozesses nicht wert, kann nicht mehr gelten. Das konnte es nie. Die Geschichte der Versklavung von Afrikanern, Brasilianern und Einwohnern der Karibik durch weißhäutige Menschen macht das unmöglich. Dem Wort „Neger“, ungeachtet seiner sprachlichen Herkunft, haftet seitdem ein demütigender, beleidigender Charakter an. Der Respekt vor Menschen mit dunkler Hautfarbe gebietet Achtsamkeit und ein Umdenken im Sprachgebrauch. Das sollte doch schon immer so sein. Aber in diesen Tagen der Umdeutung und Verdrehung von Sprache und Symbolik zugunsten eines nationalsozialistischen Gedankenguts, gilt das umso mehr.

3 Gedanken zu “Schokoküsse und weiße Rosen – der Gebrauch von Symbolik und Sprache

  1. Ich finde, das ist ein ganz hervorragender Artikel zu diesem Thema. Es gibt Worte, die muss man nicht mehr verwenden, auch wenn man diese als Kind gelernt hat. Umlernen ist ein Zustand, der uns begleitet, ein Leben lang. Inzwischen hört man im Radio hemmungslos das Wort „geil“ anstelle von „toll“. Auch darüber kann man sich aufregen, muss es aber nicht. Sprache und ihr Einsatz ändert sich und das ist auch völlig normal so. Wer das Wort Negerkuss verteidigt, ist ein – mit Verlaub – unsensibler Idiot.

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