abstract art blur bright
Photo by Pixabay on Pexels.com

Am Montag stand er mir bevor. Lange hatte ich mich davor gedrückt. Bereits zweimal hatten der Gatte und die Söhne ihn ohne mich durchgeführt. Dieses mal wollte ich nicht passen. Heldenhaft und innerlich gestählt nahm ich mir vor, ihn zu genießen. Zusammen mit den Jungs. Denn eine gute Mutter tut so etwas. Eine gute Mutter reißt sich zusammen und besucht gemeinsam mit ihren Söhnen die Miniaturwunderwelt in Hamburg. Nicht wahr?

Die gesamte Familie – ebenjener Gatte und ebenjene Söhne – aber auch die Mutter und der Vater des Gatten und die Großeltern der Söhne – sind begeisterte Bewunderer dieser Miniaturwelt. Es gibt so viel zu sehen. Und Vieles wurde mir erzählt – über die liebevollen und witzigen Details, mit denen die Landschaften der Wunderwelt durchsetzt sind. Das alles hörte sich auch gut an. Und als ich die Herzensfreundin fragte, ob sie der Meinung sei, ich könne mich wohlmöglich in der Wunderwelt langweilen, verneinte sie vehement. So wollte ich es dann wagen.

Die Fahrt nach HH verlief gut. Da der Fritz-Hund mit an Bord war, gingen wir noch kurz mit ihm an der Elbe entlang (was bei dem Hund, der nur Strand und Wald gewöhnt ist für ein Synapsenchaos sorgte), und alles war noch gut. Treppe hoch zum Eingang der Miniaturwelt: alles gut. Vorbei an den Werkstätten: nicht optimal, aber noch in Ordnung.

Der Gatte und die Söhne wollten nun erst einmal keine Zeit verschwenden mit dem, was sie schon gesehen hatten, und so liefen wir gleich durch zum Ort der Sehnsüchte: zum neu gebauten Italien. Eine kleine Treppe noch hinunter. Dann setzte ich meinen Fuß auf „Italien“ – und es passierte. Mein Gehirn reagierte. Ich war immer noch Herr der Lage, ich konnte mich noch kontrollieren. Aber was da in meinem Kopf geschah, war mir absolut unangenehm. Vielleicht lässt es sich ganz gut so beschreiben: Die meisten Menschen bekommen, wenn sie plötzlich große Höhenunterschiede bewältigen müssen, (im Auto oder in der Seilbahn) Druck auf den Ohren. Den meisten ist das unangenehm und mit Gähnen und Schlucken wird versucht, diesem Druck entgegenzuwirken. Als ich meinen Fuß auf „Italien“ setzte, bekam ich plötzlich Druck im Gehirn. Zu viele Reize, die von mir als unangenehm empfunden werden: Blaulicht (es war Nacht in „Italien“ und der Vesuv leuchtete im dunklen Blaulicht), zu viele Menschen, zu wenig Sauerstoff, eigenartige Geräuschkulisse (ich nehme an, es war ein Gemisch aus menschlichen Stimmen und der Lüftung), und viele kleine blinkende Lichter von den Häusern und Fahrzeugen. Meine drei Männer waren begeistert. Ich versuchte wahrzunehmen, was da genau mit mir passierte und abzuwägen, wie ernst die Lage war. „Das ist nichts für mich“, murmelte ich ins Ohr des Gatten, „mal schauen, wann ich hier raus muss.“ Mein Gatte warf mir einen verständnislosen aber barmherzigen Blick zu, und versuchte dann mich auf die Einzigartigkeiten dieser Wunderwelt, in welcher mein Gehirn kapitulierte, hinzuweisen. Ungefähr eine Stunde habe ich noch durchgehalten. Mit der Zeit wurde es ein bisschen besser, weil ich versuchte, mich auf den kleinen Sohn und seine Faszination zu konzentrieren. Weil es mir dann nach einer Weile gelang, mich auf einzelne Szenen zu fokussieren, und alles andere auszublenden. Doch dann war das Ende meines Konzentrationswillens erreicht. Ich verabschiedete mich von meinem Gatten und den Söhnen und begab mich in das Bistro der Wunderwelt. Auch da war viel los. Kantinenakustik kann sehr zermürbend sein.  Etwas ziellos schlenderte ich umher, auf der Suche nach dem ruhigsten Platz. Dann holte ich mir einen Tee, kehrte zum ruhigsten Platz zurück und versank in der Lektüre, die ich wohlweislich eingesteckt hatte, und die Ruhe kam zurück.

Hochsensibilität zeigt sich bei betroffenen Menschen in sehr unterschiedlichen Weisen. Im Laufe des Lebens lernt man, welche Situationen eine Überreizung auslösen. Man lernt sie zu vermeiden, oder damit umzugehen. Ich kann inzwischen mitten in einem Großraumwagen eines  ICEs eine Predigt schreiben oder englische Fachliteratur lesen. In einem solchen Großraumwagen über längere Zeit hinweg Gespräche zu führen, wäre für mich allerdings eine Herausforderung. Ich schaffe es, mit Migräne oder einer akuten Krankheit ein intensives Seelsorgegespräch zu führen, ohne dass die andere Person meine Unpässlichkeit bemerkt. Ich schaffe es, mit Migräne oder Krankheit eine Predigt zu halten, oder sogar ein Tagesseminar durchzuführen. Ich habe es gelernt mich zu fokussieren – und mein Gehirn macht mit. Dafür bin ich dankbar, und ich finde es faszinierend, wie anpassungsfähig unser Gehirn (und sogar meines) ist. Und ich merke, dass ich auch Vorteile habe, weil ich so bin, wie ich bin. Ich nehme Details, Stimmungen und Zustände wahr, die anderen (normal sensiblen) Menschen entgehen. Also kann ein Gespräch oder ein Vortrag auch optimiert werden, wenn es mir gelingt, mich zu fokussieren und nicht sabotieren zu lassen. Wenn es mir gelingt, meine erhöhte Reizaufnahme und Wahrnehmungsfähigkeit zu bündeln und gewinnbringend einzusetzen. Nach so einem Gespräch, einer Predigt, einem Seminar, merke ich jedoch, wie erschöpft ich bin, und dass dieses Fokussieren mich auch etwas kostet – im nachhinein.

Und da kommt etwas ins Spiel, was ich noch lernen muss. Nach einem Besuch in der  Wunderwelt, einem Gespräch oder einem Vortrag (auch ganz ohne Migräne), muss ich mir Ruhepausen setzen. Darin bin ich noch nicht so gut. Oft habe ich einfach „weitergemacht“. Mein Terminplan als Mutter von zwei Söhnen und als Pastorin ist schon recht voll. Hinzu kommen viele ehrenamtliche Einsätze und viele Interessen. Unsere Wohnung ist eher klein, wir hören einander ständig. Die Lage an einer befahrenen Straße macht auch den Aufenthalt im Garten sehr lärmig. Ich bin ein Mensch, der gerne ständig neue Informationen sammelt und sich selbst gerne etwas Neues aneignet. Das ist manchmal einfach zu viel. Zu viele Reize, die zu scharf wahrgenommen werden. Bisher sahen meine Ruhepausen so aus, dass ich mir neue Inhalte „reinzog“. Und das Wort „reinzog“ passt hundertprozentig. Dummerweise verschafft das meinem Gehirn aber keine Ruhe. Schade – denn ich langweile mich schnell, wenn ich mich nicht mit Informationen füttern kann.  Doch genau das muss ich lernen. Genau das versuche ich zur Zeit. Zu schauen, welche Art Input ich zu mir nehme. Was ich außen vor lasse. Dass Pausen manchmal auch Lesepausen und Hörpausen – also Inputpausen sein müssen. Vor dem Mittagsschlaf hat es mir schon als Zweijährige (ich kann mich daran erinnern – es war so schrecklich für mich, dass es einprägsam genug war) gegraut, denn ich konnte nicht schlafen und mir war furchtbar langweilig. Doch vielleicht ist genau das dran: zu liegen und nichts zu tun, auch wenn ich nicht schlafen kann. Herunterfahren. Loslassen… Dem Gehirn Pause gönnen. Versuchen, nicht weiter nachzudenken. Das alles ist ganz schön schwierig für mich. Aber notwendig. Meine Blogpause hatte auch damit etwas zu tun – aber auch damit, dass ich das „Brüllen des Löwen“ nicht mehr so gut hören konnte. Aber dazu dann mehr im nächsten Beitrag.

7 Gedanken zu “Synapsenchaos in der Wunderwelt

    1. Danke 🙂 Ich gkaube, wenn man das früh merkt als Eltern, kann man schon früh mit dem Kind lernen, wie Schutz aufgebaut werden kann und die Fähigkeit genutzt werden kann. Bei zum. einem unserer Söhne ist die Hichsensibilität auch sehr ausgeprägt – und ebenso die Lust, Informationen in sichreinzuschaufeln. Wir versuchen, mit ihm zusammen Räume für Erholung zu schaffen und über seine Eindrücke und Wahrnehmungen im Gespräch zu sein. Und doch ist er dann wieder anders als ich – und wir versuchen zu begreifen, was ihm helfen kann. Nicht immer so leicht. Welche Erfahrungen habt ihr gemacht?

      1. Bei uns ist es leider komplizierter. Meine Tochter ist hochintellligent, sehr musikalisch und von den Sinnen her auch sehr empfindlich. Mittlerweile haben sich aber so viele Probleme angehäuft, dass sie zur Zeit bereits in stationär in einer Klinik ist. Ich glaube, dass dieser Aspekt helfen kann. Vielen Dank dir nochmals und alles gute auch für dich. Wolfgang

  1. Schön, dass du wieder da bist, Bettina! Interessant, dass dich das Hamburger Miniaturland so gestresst hat. Darüber muss ich noch ausführlich sinnieren, meine sensible Freundin 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s