boat island ocean sea
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Direkt nach der ersten Brotgeschichte, die die Jünger erleben, passiert etwas Seltsames. Das heißt, eigentlich passieren mehrere sehr seltsame Dinge… aber eins nach dem anderen.

Nachdem 5000 Männer und sicher auch dazugehörende Frauen und Kinder von 5 Broten und 2 Fischen satt wurden, werden die Jünger von Jesus schon einmal vorgeschickt. Sie steigen in ein Boot und schippern los, während Jesus die Menschen verabschiedet und dann auf einen Berg geht, um zu beten. Mitten in der Nacht – Jesus ist noch an Land – sieht er, dass die Jünger weit draußen auf dem See in Seenot sind. Sie können das Boot kaum steuern, wegen des Sturms. Sie haben zu kämpfen.

Für mich tut sich hier eine Frage auf: Warum konnte Jesus die Jünger in ihrer Not auf dem See sehen? Der See Genezareth ist laut wikipedia bis zu 21km lang und an seiner breitesten Stelle 13km breit. Mag sein, dass er damals etwas anders aussah, aber wahrscheinlich waren die Maße in etwa dieselben. Hinzu kommt, dass es mitten in der Nacht war. Ich weiß nicht, wann es dunkel wurde zu jener Jahreszeit am See Genezareth, doch scheint mir, dass es um diese Zeit wohl schon dunkel gewesen sein dürfte. Und auch wenn es sternenklar gewesen wäre, und dann auch noch Vollmond gewesen wäre, erscheint es mir unmöglich, dass die Lage der Jünger weit draußen auf dem See mit bloßem Auge eindeutig zu erfassen war.

Ich deute die Stelle so, dass Jesus die Lage, in der die Jünger sich befanden, nicht mit bloßem Auge gesehen hat, sondern im Geist. Jesus, der von sich selbst sagte, dass er nur tue, was er den Vater tun sieht, hatte keine Mühe, in die unsichtbare Welt zu sehen. Und so sah er auch, in welcher Lage sich die Jünger befanden, während er noch auf dem Berg war. So, wie der Evangelist Markus die Sachlage beschreibt, scheint Jesus nicht sonderlich beunruhigt gewesen zu sein. Er war im Gespräch mit seinem Vater, er sah in die unsichtbare Welt. Vielleicht hat er für das Wohlergehen der Jünger gebetet. Vielleicht hat er aber auch gesehen, dass ihnen nichts geschehen würde. Wenn der Schreiber Markus einen schleswig-holsteinischen Klon in der heutigen Zeit haben würde, würde dieser das folgende Geschehen vermutlich so formulieren: ‚So bummelig gegen drei Uhr nachts ging Jesus dann über das Wasser hinterher.‘ Und dann kommt das, was mich (ich lese im Moment das Markus-Evangelium) umhaut. Da steht dann im folgenden Bibelvers: „Er wollte an ihnen vorübergehen.“

Was? Er wollte an ihnen vorübergehen?

Ich habe den Text Ende November gelesen und seitdem damit gerungen, was diese Textstelle aussagen will. Und ich habe Jesus gefragt: „Warum wolltest du vorübergehen? Wolltest du den Jüngern in ihrer Not denn nicht helfen? Und wie ist das heute? Wenn wir in Not sind und kämpfen. Gehst du dann auch ab und an einfach vorbei?“ Immer wieder habe ich darüber nachgedacht und Jesus gefragt. Langsam wächst in mir ein Verständnis für das Geschehen.

Ja – Jesus läuft nicht über das Wasser, hin zu dem Boot und den Jüngern, und greift mal eben durch. Er weiß die ganze Zeit, in was für einer Lage sie sind. Er sieht sie in ihrer Not, auch zu dem Zeitpunkt, als es menschlich gesehen nicht möglich ist. Weil er in der Lage ist, mehr zu sehen, als das, was mit bloßem Auge sichtbar ist. Er ist also voll im Bild. Trotzdem ist er im Begriff, vorüberzugehen.

Die Jünger dagegen kämpfen mit dem Wind und dem Wasser, und sie kommen gar nicht auf die Idee, dass Jesus helfen könne. Sie rufen ihn nicht. Sie glauben zu dem Zeitpunkt nicht daran, dass er jetzt helfen kann, denn er ist doch gar nicht da. Er ist an Land geblieben. Er kann nicht helfen, denn er kann nicht da sein. Und so erkennen sie ihn auch nicht, als er, auf dem Wasser gehend, schon fast an ihnen vorbei ist.

Ich kenne das Verhalten der Jünger. Ich kenne es von mir. Ich kenne es von anderen. Ich glaube, die Jünger Jesu heute denken und handeln oft genauso, wie die Jünger damals. Wir haben ein Verständnis von unserer eigenen Wirklichkeit. Von dem, was wir mit bloßem Auge sehen können. Von dem, was wir anfassen können. Von dem, was sich uns mit unserem menschlichen Verstand erschließt. Alles darüber hinaus wird erst einmal in Zweifel gezogen. Oder eben überhaupt nicht in Erwägung gezogen, weil man nicht darauf kommt, wenn man nur in die menschliche Wirklichkeit schaut. Deshalb kommen wir in vielen Nöten nicht auf die Idee, zu erst einmal nach Jesus zu rufen. Bei ihm Hilfe zu erbitten.  Statt dessen kämpfen wir mit den irdischen Elementen.

Jesus drängt sich nicht auf. Er überwältigt uns nicht. Er hopst nicht einfach in unser Boot, unsere Krankheit, unsere Sorgen, unsere verfahrenen Situationen. Er respektiert das, was wir glauben. Und weil wir so wenig glauben, erleben wir so wenig. Und weil wir so wenig glauben, sehen wir nur unsere eigene, menschliche Realität. Und weil wir nur unsere eigene, menschliche Realität sehen, glauben wir so wenig.

Als Jesus schon fast vorbei ist, nehmen die Jünger ihn endlich wahr. Aber sie erkennen ihn nicht, weil sie nicht mit ihm rechnen. Sie halten ihn für ein Gespenst und bekommen Angst. Vielleicht lächeln wir heute darüber. Was haben die Jünger sich bloß gedacht. Es gibt doch keine Gespenster. Hätten sie ihn nicht erkennen können? Und wieder wird mir klar, dass es heute noch ganz genauso ist. Da, wo wir nicht mit Jesus rechnen (im System unserer menschlichen Logik), da erkennen wir ihn auch nicht. Da schreien wir vielleicht genauso misstrauisch drauf los, wie die Jünger. Da halten wir Jesus plötzlich für etwas Bedrohliches, und gehen in Angst und Abwehr. Dabei ist er doch da. Manchmal könnte man verzweifeln an unserem Unglauben und unserer traditionellen, hartherzigen Abwehr.

Doch dann versöhnt mich der Text. Als die Jünger schreien und in Panik geraten, da gibt sich Jesus sofort zu erkennen. Er steigt sofort zu ihnen ins Boot. Und augenblicklich legt sich der Wind. Und dann steht dort: „Sie staunten über das, was vor ihren Augen geschah. Sie hatten immer noch nicht begriffen, was das Wunder der Brotvermehrung bedeutete, denn ihre Herzen waren verhärtet, und sie glaubten nicht.“

Wir begreifen immer noch so wenig davon, wer Jesus ist. Wir verstehen noch nicht, was die Wunder bedeuten, die er tat und tut. Wir verstehen so wenig, was es bedeutet, dass das Reich Gottes mitten unter uns ist. Dass wir Kinder des Vaters im Himmel, des Königs der Könige sind. Zu selten sehen wir über das, was vor Augen ist, hinaus. Zu wenig geübt sind wir, in die geistliche Welt zu sehen, und nach dem, was wir dort sehen zu handeln. Was wir den Vater und Jesus tun sehen, sollen auch wir tun. Zu selten verstehen wir das.

Ganz oft sehen wir nur unsere Situation, mit der wir kämpfen. Und rechnen nicht damit, dass Jesus uns sieht. Dass er sogar über das Wasser zu uns kommen kann. Wir rufen nicht mal nach ihm. Auch wir Jünger von heute. Obwohl wir doch eigentlich alles wissen.

„Vater, nimm mein hartes Herz. Nimm es in deine beiden Hände und lass deine Liebe in mein Herz fließen, damit es weich wird.

Vater, nimm meinen Glauben. Und wenn er kleiner ist als ein Senfkorn, belebe ihn mit deiner Gnade, damit er wächst und wächst.

Jesus, nimm meine Augen, die nur sehen, was in dieser Welt ist. Berühre sie mit deiner Hand, damit ich sehe, was du siehst.

Jesus, nimm meine Angst vor deiner wilden, anderen Art. Nimm mir die Angst davor, dass du größer und lebendiger und mächtiger bist, als ich begreifen kann. Gib mir Vertrauen, dass ich dich sehe, und steig in mein Boot.

Jesus, nimm meinen Kampf, den ich gegen die Nöte meines Lebens ausfechte. Gib mir deine Ruhe und deinen Frieden, damit ich still werde, und dich für mich kämpfen lasse.

Amen“

Bibeltext:

Gleich danach befahl Jesus seinen Jüngern, wieder ins Boot zu steigen und über den See nach Betsaida zu fahren, während er inzwischen die Menschen nach Hause entließ. Dann ging er allein auf einen Berg, um zu beten. In der Nacht befanden sich die Jünger in ihrem Boot mitten auf dem See, und Jesus war allein an Land.

Er sah, dass sie mühsam gegen den Wind und die Wellen ankämpften. Gegen drei Uhr morgens ging er über das Wasser zu ihnen. Er wollte an ihnen vorübergehen.

Doch als sie ihn auf dem Wasser gehen sahen, schrien sie vor Entsetzen, denn sie hielten ihn für ein Gespenst.

Sie waren zu Tode erschrocken, als sie ihn sahen. Doch Jesus sprach sie sofort an. »Erschreckt nicht«, sagte er. »Ich bin es. Habt keine Angst.«

Dann stieg er ins Boot, und der Wind legte sich. Sie staunten über das, was vor ihren Augen geschah.

Sie hatten immer noch nicht begriffen, was das Wunder der Brotvermehrung bedeutete, denn ihre Herzen waren verhärtet, und sie glaubten nicht.

(Neues Leben – Die Bibel: Markus 6, 45-52)

 

 

4 Gedanken zu “Warum gehst du vorbei, Jesus?

    1. Ja – da gibt es Parallelen. Ich mag den Ausspruch „Jesus will/möchte gefragt werden“ nicht so sehr. Für mich impliziert diese Aussage irgendwie, dass etwas gefordert wird (die Bitte/ Frage), damit Jesus dann in Bewegung kommt und heilt oder hilft. Hörst du diesen Ausspruch vielleicht ganz anders als ich? – Im Gegensatz zu dem, wie ich ihn höre, denke ich aber – dass es mehr darum geht, dass Jesus nicht ungefragt eingreift. Unseren Willen achtet. Immerhin verbrigt sich Jesus ja nicht vor den Jüngern auf dem See Genezareth, sondern „lässt sich blicken“. Wird aber nicht erkannt, zuerst. Ich glaube tatsächlich, dass darauf der Fokus in der Markuserzählung liegt. Dass die Jünger gar nicht auf die Idee kamen, obwohl sie ihn doch vorher mit Heilungen und Wundern erlebt haben. Daher dann vielleicht auch der letzte Vers, den Markus hier in dem Abschnitt schreibt.

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