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Liebe Roswitha, lieber Roberto,

ihr gehört dazu. Zu den langen Sommertagen, an denen wir den ganzen Tag auf den Wiesen umherliefen, Verstecken spielten, oder „Fischer wie tief ist das Wasser?“, oder Brennball. Zu den langen Frühlings-, Sommer- oder Herbsttagen, an denen wir zwischendurch zum Kiosk liefen, um eine Lakritzbrezel zu kaufen für 5 Pfennig, oder ein Wassereis für 10 Pfennig, oder, wenn die Taschengeldlage es zuließ, eine Tüte bunten Puffmais für 50 Pfennig. Ihr gehört zum aufgeheizten Asphalt zwischen den Garagen, zu den Kletterbäumen, zu den Gänseblümchenkränzen, zu dem erdig wiesigen Geruch, wenn wir uns den kleinen Wiesenabhang hinter dem Hochhaus, in dem meine Freundin B. wohnte, hinabkullern ließen. Zu den Marienkäfern in den Marmeladengläsern, den Postkarten, die wir tauschten, zu den Jungsbanden, vor denen wir Angst hatten.

An langen, schönen Sommertagen, die meine Kindheit prägten, waren wir zwischen 15 – 25 Kindern, die sich da schonmal auf den Wiesen sammelten und zusammen spielten. Und du, Roswitha, warst fast immer dabei. Rennen konntest du nicht so schnell wie wir, obwohl du doch schon 25 Jahre älter warst, und viel größer. Deine braunen, klobigen Stiefel, mit den unterschiedlich hohen Absätzen, die du auch im Sommer tragen musstest, wenn wir barfuß oder in Sandalen unterwegs waren, haben dir das Rennen schwer gemacht. Und auch sonst warst du ungelenk und hast dich eher grob bewegt. Deshalb hast du beim Spielen manchmal die unbeliebten Rollen einnehmen müssen. Oder du hast einfach dabei gestanden, zugeschaut, und uns kleine Mädchen angefeuert.

Denn auch wenn du ungelenk warst, warst du doch stark und mutig. Und immer auf der Seite von uns Kleinen und Schwächeren. So hast du dich den größeren Jungs in den Weg gestellt und laut geschimpft mit deiner Stimme, die so anders war als andere Stimmen, so als hätte man die eines kleinen Mädchens genommen und einer alten Frau, und daraus eine einzige Stimme gemacht . Du hast geschimpft wie ein Rohrspatz, mit Wendungen, als hättest du Fünfjährige vor dir. Die großen Jungs, dreizehn oder sechzehn Jahre alt, haben gelacht über dich, und haben sich dann verzogen. Und wir, damals fünf oder acht, waren wieder einmal in Sicherheit. „Danke, Roswitha!“ Und dann haben wir zusammen gespielt und mit dir unseren Puffmais geteilt. Du, einen Meter fünfzig groß und Anfang dreißig und wir, zwei bis drei Köpfe kleiner und fünf, oder sieben oder acht. Im Herzen waren wir gleich alt, und im Herzen wusste ich, dass deines ein ganz reines war.

Nur zwei oder dreimal war ich bei dir zuhause, in deinem Zimmer. Eine fremde Welt. An den Wänden Poster von Pop- und Schlagersängern, die mich nicht interessierten, aber du wusstest alles über sie. Auf deinem Bett Ernie und Bert, und viele Stofftiere. Und dein alter Vater, von dem ich dachte, es sei dein Opa. Aber du warst ja auch schon Mitte dreißig dann, und ich kam aufs Gymnasium. Und dein Vater hat dich behüten wollen. Vor den Jungs da draußen, die vor dem Hochhaus auf ihren Mopeds saßen und rauchten und anzügliche Sprüche machten. Und vielleicht auch vor zu viel Nähe zu Mädchen wie mir, die älter wurden, und von denen man nicht wissen konnte, ob sie auch irgendwann Sprüche machen würden. Andere als die Jungs, aber ähnlich gefährlich vielleicht. Dein Opa-Vater wusste nicht, dass ich wusste, dass dein Herz ganz rein war, und dass ich das kleine Mädchen mit dem Löwenmut, was in deinem Körper einer Frau mittleren Alters zuhause war, nicht vergessen würde. Wir haben uns immer gegrüßt und sind stehengeblieben und haben miteinander geredet. Nur gespielt haben wir nicht mehr, aber du hast davon erzählt, jedesmal. Wie wir gespielt haben und wie niedlich meine Freundin und ich waren, und dann hast du mit der Hand gezeigt, wie klein wir waren, damals. Irgendwann warst du nicht mehr da. Ich war jetzt vierzehn oder sechzehn. Und ich hörte, du seist gestorben. Und dass das zu erwarten war, und dass du schon älter geworden bist, als man gedacht hätte. Und dass es ein Segen sei für deinen Vater. Und wohl auch für dich, so sagten sie, die älteren Frauen in der Nachbarschaft, was hätte sie sonst gemacht, wenn er nicht mehr hätte sorgen können. Ich war schon alt genug, um zu verstehen, was sie meinten. Und doch habe ich auch anders gedacht. Denn du hast gerne gelebt. Und solche Herzen wie deines, für die muss immer Platz sein.

Und du, Roberto, kamst auch in unser Leben, als wir ungefähr fünf waren, und uns trauten, zu dem großen Spielplatz etwas weiter weg zu gehen. Dort hast du gelebt mit deiner Mutter. Und ihr beide, deine Mutter und du, ihr habt gestrahlt wie die Sonnen. Das allererste Mal wollte sie dich nicht zu uns lassen, deine Mutter. Denn wir waren klein und viel zu dünn. Und du warst zwei Köpfe größer und viel zu stark. Und auch du hattest deinen Körper nicht ganz unter Kontrolle, und auch nicht deine Stimme. Doch es war Liebe auf den ersten Blick. Auf deiner und auf unserer Seite. Du warst nicht viel älter als wir. Vielleicht ein oder zwei Jahre. Und in deinem sehr großen Kopf warst du jünger als wir, das haben wir gleich gemerkt. Und wir haben miteinander gespielt. Wilde Spiele. Fangen und miteinander rennen. Und du hast die ganze Zeit ganz laut gelacht. Und wir haben gekichert, weil du so sehr gelacht hast und so glücklich warst. Und manchmal haben wir dich gefasst, an jeder Hand hattest du eine von uns. Und dann hast du dich um dich selbst gedreht und uns um dich herum, bis wir alle zusammen ins Gras gepurzelt sind und noch mehr gelacht haben. Und deine Mutter, mit ihrem glänzenden, hochgesteckten schwarzen Haaren, hat „O weh!“ gerufen. „Tini und B! Habt ihr euch getan etwas? O weh! Roberto! Zu viel Kraft! Zu viel Kraft!“ Und wir haben deiner Mutter, mit dem lieben Gesicht und den polnisch-deutschen Redewendungen immer wieder versichert, dass es uns gut geht. Und dass wir wirklich gerne mit dir spielen. Und dass es schön ist und ihr noch bleiben könnt, und nicht gehen müsst. Und manchmal habe ich gedacht, ob du, der Junge mit dem reinen und frohen Herzen, vielleicht wirklich nur mit uns spielen durftest. Dabei hast du uns nie weh getan, trotz deiner großen Kraft. Aber angesteckt hast du uns, mit deinem Herzen voll lauter und ungestümer Freude. Und auch später, als ich größer war, und aufs Gymnasium ging und nicht mehr durch das Gras kugelte, hast du noch von Weitem gerufen: „Tini!!!!!!“, und deine Mama mit dem Sonnenlächeln war immer noch dabei, und dann haben wir uns die Hände geschüttelt, und das tat dann wirklich jedesmal weh, weil du so viel Kraft hattest. Und wir haben gelacht. Und dann bin ich weitergelaufen, mit Sonne im Herzen, die von dir kam. Irgendwann warst du nicht mehr da. Vielleicht seid ihr umgezogen, in ein größeres Zuhause. Und ich hoffe, dass du dort noch lange viele Menschen froh gemacht hast mit deiner Sonne und deinem Lachen. Wenn ich an dich denke, muss ich lächeln und mein Herz wird warm.

Liebe Roswitha und lieber Roberto. Ich glaube, dass ihr jetzt beide nicht mehr auf dieser Welt seid. Und ohne euch ist die Welt ein bisschen kälter. Und ein bisschen ärmer. Ihr wart wundervolle Menschen, und ihr habt mich mehr gelehrt als viele andere Menschen. Eure Reinheit und euer frohes Lachen, haben mich reich gemacht. Ich denke an euch mit Liebe, und mit einem Lächeln.

 

5 Gedanken zu “Roswitha und Roberto – eine Liebeserklärung

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