woman sitting near glass windowpane
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Im Sommer 2010 wusste ich nicht viel über Prostitution. Natürlich hatte ich ein wenig über Zwangsprostitution gehört und gelesen. Aber heute würde ich sagen, dass das Bild, das ich mir über das Rotlichtmilieu machte, sehr weit von der Wirklichkeit entfernt lag.

Inzwischen bin ich seit neun Jahren ehrenamtlich in dieser Parallelwelt unterwegs. Habe in zwei Städten ehrenamtliche Gruppen gegründet. Wir nennen uns „HerzZeichen“, und gehen jeweils zu zweit in Bordelle und Bordellwohnungen, um die Frauen, die in Prostitution leben zu besuchen und gegebenenfalls zu helfen.

Was hat das Thema Prostitution mit „Loslassen und Festhalten“ zu tun? Eine Menge!

Unser Land, unsere Gesellschaft hält krampfhaft an einem veralteten Bild fest, wenn es um Prostituierte geht. Nutte, Hure, Bordsteinschwalbe, leichtes Mädchen… es gibt etliche Bezeichnungen für Frauen, die ihren Körper verkaufen. Und allesamt verschleiern sie die Wahrheit. Entweder verharmlosen sie das Geschäft, oder sie drücken derbe aus, was die Gesellschaft von den Frauen hält: sie verkaufen sich, sind Schlampen, wollen schnelles Geld und sind irgendwie eine Art Mensch zweiter Klasse.

Die Begrifflichkeiten und das Bild, das dahinter steckt zeigen, wie krank unsere Gesellschaft ist. Und wie gut sie abspalten kann, was da mitten in unserem Alltag vor sich geht.

Wenn ich in Gemeinden oder auch im privaten Gespräch davon erzählt habe, dass ich mich im Rotlichtbereich engagiere und die Frauen dort besuche, und dass ich es dabei hauptsächlich mit Zwangsprostituierten zu tun habe, dann passierte fast jedesmal etwas absolut Seltsames. Ein Phänomen, dass ich bis heute nicht wirklich verstehen möchte und das mich wütend macht.

Nämlich nichts. Keine Fragen. Kein sich daraus entwickelndes Gespräch. Absolut. Kein. Interesse. Allenfalls ein etwas irritierter, bruchteilsekundenlanger Blick. Dann schnelles Wegschauen. Thema wechseln. Ablenken. Schnell weg müssen. Auf die Toilette gehen und ähnliches.

(Inzwischen ändern sich die Reaktionen. Wir finden mehr Gehör zu diesen Themen. Zunehmend auch von Männern. Das freut mich und macht mir Hoffnung, dass durch ein neues Bewusstsein auch Veränderungen in der Gesetzgebung stattfinden werden. Auch wenn das in Deutschland noch eine längere Wegstrecke zu werden scheint…)

Ich kann gar nicht ausdrücken wie sehr mich das verstört. Bei so einem Thema fragt man doch nach, oder?! Was sind das für Frauen, die in diesem Milieu landen? Wie reagieren sie auf euch? Werdet ihr da überhaupt hineingelassen? Was redet man mit den Frauen, und erzählen sie irgendetwas über ihren Job oder wie sie dazu gekommen sind? Wie leben diese Frauen, wenn sie gerade nicht „arbeiten“? Wieviele sind freiwillig dabei, und wieviele werden gezwungen? Und wie passiert das, dass Frauen dazu gezwungen werden können? Warum verständigen sie nicht die Polizei, laufen weg, fragen nach Hilfe? Und, und, und… Fragen über Fragen. Mich machen solche Lebensumstände neugierig. Ich kann sie nicht verstehen, deshalb muss ich nachfragen, bis ich besser verstehen kann. Dass jemand so nachgefragt hat, ist mir in den letzten sieben Jahren höchstens drei bis viermal untergekommen. Die andere Reaktion, das absolute Ausblenden des Themas dagegen unzählige Male.

Dabei gehe ich davon aus, dass viele Menschen in unserer Gesellschaft inzwischen schon einmal etwas über Zwangsprostitution und Menschenhandel gehört, gesehen oder gelesen haben. Dass man dabei nicht das ganze Ausmaß begreift, kann ich verstehen. Aber dass man das so beiseite schieben kann, dass es in unserer Gesellschaft viele, viele Sexsklavinnen gibt, verstehe ich nicht. Und ich finde: es ist  auch nicht zu verstehen.

Über Zwangsprostitution gibt es kaum und vor allem keine wasserfesten Statistiken. Das versteht sich von selbst. Das Bild, welches sich mir und meinen Kolleginnen bei unseren Gängen durch das Rotlicht bietet, ist in etwa Folgendes:

Der Hauptteil der Frauen, die wir anfinden, scheint nicht freiwillig in der Prostitution zu arbeiten. Meiner Erkenntnis nach, sind das die Wenigsten. Natürlich kann ich hier keine wissenschaftlichen Zahlen bieten, aber inzwischen hat sich einiges an Erfahrungen ergeben und ich versuche mal ein ungefähres Bild zu zeichnen. Ich schätze, dass es sich ungefähr so verteilt:

50-70 % : der Frauen sind gezwungenermaßen im Milieu

Und das sind diejenigen, die wir in folgenden Bereichen antreffen können: in kleineren oder größeren Bordellen und in Wohnungen, die zu Prostitutionszwecken von Zuhältern oder Organisationen angemietet werden (in typischen, aber auch in normalen Vierteln: auf dem Schulweg meiner Kinder zur Grundschule – und in unmittelbarer Nähe derselben – befinden sich mir vier bekannte Wohnungen dieser Art,die ich des Öfteren aufgesucht habe)

      • darunter Frauen, die aus anderen Ländern verschleppt oder hergelockt wurden
      • darunter Mädchen und Fauen, die auf einen sogenannten „Loverboy“ hereingefallen sind – und das sind oftmals deutsche Mädchen und Frauen

 

10- 30% : Mädchen und Frauen, die aus ritueller Gewalt stammen

Diese Frauen bezeichnen sich selbst als „Freiwillige“. Darunter oft deutsche Frauen, unterschiedlicher gesellschaftlicher Herkunft, unterschiedliches Bildungsniveau usw.  Diese Mädchen und Frauen wurden seit ihrer Geburt sexuell, körperlich und seelisch missbraucht. Sie wurden von klein auf an Menschen mit pädophilen und sadistischen Neigungen verkauft. Für pornographische Aufnahmen und Filme benutzt. Für ebensolche Zwecke „abgerichtet“. (Das Wort ist nicht meine Erfindung, es wird in diesen Kreisen gebraucht.)

Viele dieser Mädchen (und es gibt auch Jungs) und Frauen haben eine dissoziative Störung. Das geht soweit, dass sie verschiedene Persönlichkeiten ausgebildet haben – für verschiedene Settings. Normale Persönlichkeiten für den Alltag (Schule, Nachbarschaft, Studium, Beruf ).    Sich gerne prostituierende Persönlichkeiten für Prostitutionssettings (und da die ganze Palette, die man sich (nicht) vorstellen kann: Sexparties, Prostitutionsarbeit, Pornodrehs, normale Sexarbeit und Spezialbereiche: SadoMaso, Orgien …bis hin zu Snufffilmen)

Das sind auch oft die hübschen, wie die Tochter aus gutem Hause wirkenden Studentinnen, die in Talkshows über das Thema Prostitution eine Lanze für die „Sexarbeit“ brechen sollen. Sie erzählen, dass sie zwar Jura, Mathematik oder Philosophie studiert haben, aber in der Sexarbeit viel mehr Erfüllung finden. Dass sie ihren Beruf lieben, vor allem, weil sie dort Menschen helfen und diese glücklich machen können. Und wenn man ohne Vorkenntnisse vor dem Bildschirm sitzt, dann bekommt man recht leicht das Gefühl: „Ja, wenn das so ist: Warum eigentlich nicht?“ Es hört sich, so wie sie das erklären, nämlich echt stimmig an.

Dass die jungen Frauen „von nebenan“, die dort so eloquent und selbstbewusst erzählen, von Kindheit an „abgerichtet“ und programmiert („mind control“) wurden – und eben nur eine Persönlichkeit von Vielen dort sitzt, dass weiß ja keiner. (Und sie selbst in diesem Augenblick auch nicht.) Weil es so unvorstellbar ist – und auch (!) weil keiner nachfragt und verstehen möchte, was nicht zu verstehen ist.

(Dieser Eindruck verstärkt sich immer mehr. Ich habe vermehrt mit Frauen zu tun, die aus rituellen Hintergründen stammen. Sie sind schon als Kinder für Prostitutionszwecke programmiert worden. Die Alltagspersönlichkeit(en) haben davon null Bewusstsein. Die Organisationen, die dahinter stehen pressen Geld aus den Opfern, solange es eben geht. Dir erwachsenen Opfer bringen Geld durch Prostitution. Sie sind darauf hin programmiert, auch schlimmste Schmerzen auszuhalten und Sonderwünsche zu erfüllen. Man denke einmal darüber nach, wie menschenverachtend das ganze Ausmaß der Prostitution ist, und dass wir keinesfalls von „freiwillig“ oder „Sexarbeit“ sprechen können…selbst wenn die programmierten Persönlichkeiten der Frauen so reden.)

10 – 30% :  Armutsprostitution

Frauen, die sich prostituieren, weil anders die Familie in Afrika, Thailand oder Bulgarien nicht durchzubringen ist. Ob man das für freiwillig oder erzwungen hält, bleibt jedem selbst überlassen. Dazu vielleicht später einmal mehr.

Wie genau sich die Prozentzahlen verhalten, kann ich nicht ausmachen, aber nach meinen Erfahrungen und denen meiner Kolleginnen ist es in etwa so, wie oben aufgeführt. Oder eher schlimmer. Auch wir verharmlosen lieber, als uns Vorwürfen auszusetzen…

In Wuppertal, der Stadt, in der 2010 eine HerzZeichen-Arbeit entstand, gingen wir in 20 Bordelle, alleine in dieser Stadt. Weil wir dort viele, viele Frauen antrafen und bestens ausgelastet waren, hatte ich damals das Thema „Bordellwohnungen“ noch gar nicht auf dem Zettel.

In Flensburg, der Stadt, in der ich jetzt mit einigen anderen Frauen unterwegs bin, treffen wir alleine 90 Frauen in den Bordellen und Wohnungen an. Die meisten davon (ca 50-60) „arbeiten“ in normalen Mietwohnungen und sind höchstens ein bis zwei Wochen anwesend, bevor es in eine andere deutsche oder europäische Stadt geht, in der sie wieder ein bis zwei Wochen in einer Wohnung hocken, und dort auf Freier warten. Ich schätze, dass es in Flensburg noch mehr Frauen gibt, die zur Prostitution gezwungen werden, die wir aber mit unseren Mitteln nicht finden und aufsuchen können. Dazu kommen sicherlich noch einmal einige Kinder, die soundso verdeckt und unauffällig den Freiern mit entsprechenden Neigungen angeboten werden.

Wenn sich die Zahlen auch nur annähernd so verhalten, wie oben beschrieben, dann will mir absolut nicht in den Kopf, wie so etwas in einem „freien“, demokratischen Land vor sich gehen kann. Ich verstehe nicht, wie die Politik zulassen kann, dass Frauen und Kinder (und auch ein paar Männer natürlich) in unserem Land in so großem Ausmaß verkauft werden können.

Immer wieder habe ich das Bild vor Augen, wie zwei Politikerinnen (rot/grün, 14. Dezember 2001) und eine Bordellbesitzerin auf das neue Prostitutionsgesetz anstoßen. Und ich möchte kotzen. Angeblich sollte durch die Legalisierung der Prostitution die Situation der Frauen verbessert werden. Tatsächlich hat es aber dazu geführt, dass auch der Zwangsprostitution Tor und Tür geöffnet wurden.                                                                Inzwischen rudert die Politik in Sachen Prostitutionsgesetz zwar zurück, aber es reicht bei Weitem nicht aus, um jede Menge Frauen und Kinder ausreichend zu schützen. Wir treffen die Frauen ja immer noch an. Zuhauf.

Und das Thema „rituelle Gewalt“ steckt, was die Politik betrifft, noch in den Kinderschuhen. Höchstwahrscheinlich weil es dazu sehr unterschiedliche Interessen gibt …

Dem unhaltbaren Zustand ist zuträglich, dass die meisten Menschen in unserer Gesellschaft gerne an ihrem alten, schmuddeligen oder sogar etwas romantisierten Bild von Prostitution und Nutten, Huren, Bordsteinschwalben festhalten wollen.

Es ist vielleicht einfacher, zu glauben, dass es Frauen gibt, denen so ein Leben gefällt. Die das alles gar nicht so schlimm finden und nicht darunter leiden. Denen das „schnelle“ Geld halt wichtiger ist. Lieber krampfhaft an diesen Vorstellungen festhalten als realisieren, dass wir in einer Gesellschaft und Kultur leben, in der mehr (Sex)SklavInnen als jemals zuvor in der Menschheitsgeschichte leben. Lieber dieses alte Bild nicht loslassen, damit ich nicht darüber nachdenken und nachfühlen muss, dass im Haus nebenan, in meiner Straße, meinem Viertel, meiner Stadt, Frauen und Kinder leben, denen das gerade passiert, während ich mir einen Thriller über das Milieu reinziehe, koche, mit meinen Kindern Hausaufgaben mache oder überlege, ob ich mir vielleicht die schweineteuren Laufschuhe mit Pronationsschutz oder das Wochenende in Wien leisten kann. Denn die ungeschminkte Realität würde mich bei all diesen Beschäftigungen doch erheblich aus dem Konzept bringen.

Das Dumme ist: die Wahrheit hinter all diesen Dingen – und warum Prostitution, Pädophilenringe und rituelle Gewalt letztendlich zusammenhängen und eines sich aus dem anderen speist, ist leider noch viel erschreckender. Und bei mir kippen die alten Bilder in einem steten Prozess nacheinander weg…und ich lasse los. Weil ich nicht anders kann – und nicht anders möchte. Mir würde davon noch übler werden als von der Wahrheit.

Hinter dem Geschriebenen steckt viel, viel Wut. Und Unverständnis. Und der Wunsch, etwas zu tun. Noch mehr zu tun. Diese Lüge und Scheinwelt, in der wir in Deutschland leben, niederzureißen. Wenn es einigen meiner Leser/innen dabei hilft, alte Scheinwahrheiten zu diesem Thema loszulassen, dann hat es sich gelohnt.

Ich hoffe auf viele, viele Reaktionen und Fragen. Und Denkprozesse.

Ja – ich hoffe immer noch…

Dieser Beitrag ist die leicht überarbeitete Fassung von einem meiner ersten Blogbeiträge.

Das Interesse an Sandra Noraks Geschichte scheint seit gestern abend groß zu sein. Eine gute Chance, um noch weitere Facetten des Themas in die Öffentlichkeit zu bringen. Die Sendung Aktenzeichen XY Spezial stellte gestern Sandras Geschichte und die Masche, derer sich Loverboys bedienen, in den Mittelpunkt. Zu sehen ist die Sendung weiterhin über die Mediathek vom ZDF. Dies ist der Link.

 

 

24 Gedanken zu “Nutte, Hure, Bordsteinschwalbe – überarbeitete Fassung

  1. Danke für den Beitrag und danke auch für den Link zu der informativen Sendung.
    Ich mache mir oft zur Situation der Prostituierten in Athen Sorgen, weiß aber nicht wie ich mich darüber informieren könnte oder auch freiwillig engagieren könnte.
    Lieben Gruß

    1. Hallo – Danke für deine Sorgen, auch wenn das ein bisschen komisch klingt 😉 Ich persönlich weiß auch nichts zur Situation in Athen, außer, dass Griechenland schon seit langem (auch schon vor 10-15 Jahren) ein Ziel- aber vor allem auch ein Transitland für Menschenhandel zu Prostitutionszwecken ist. Und mit der aktuellen Flüchtlingslage befürchte ich, hat sich die Situation vor Ort sicher verschlimmert. – Ich habe gerade mal gegoogelt: „Griechenland“ „Prostitution“. Da tut sich ein Abgrund auf. Gerade die Flüchtlinge scheint es hart zu treffen. Prostitution in Flüchtlingslagern – Flüchtlinge auf Athens Kinderstrich … das sind Schlagzeilen von 2016 und 2017. Wenn du aktiver werden möchtest, würde ich diese Möglichkeiten empfehlen (ohne genaues zu wissen): frag mal bei der Caritas, ob es eine Stelle gibt, die Prostituierte aufsucht. Ebenso lohnt es sich, bei der evangelischen Kirche und den Freikirchen (Baptisten/Pfingstler) nachzufragen. Außerdem bei der Heilsarmee in Athen. Und auch bei Frauenverbänden der Stadt. Nicht alle werden eine eigene Arbeit in dem Bereich haben, aber sie werden wissen, wo was läuft. Ich denke, dass es mehrere Hilfsorganisationen geben wird, und dass sie auf ehrenamtliche Helfer angewiesen sind. Bestimmt auch in verschiedenen Bereichen. Liebe Grüße, Bettina

  2. Ich hänge gerade an Begrifflichkeiten: Handelt es sich bei den Menschen, auf die Du Dich beziehst, tatsächlich ausschießlich um Überlebende „ritueller“ Gewalt (Sekten, Kult, Pseudoreligionen)? Oder hat sich da begrifflich was „in einen Topf geschmuggelt“ (also auch „organisierte sexualisierte Gewalt“ seit Kindheit, ohne rituelle Struktur?)? Danke für Deine Wut!

    1. Liebe Pauline-s und liebe Birke-n,
      ja – das ist begrifflich schwierig, so empfinde ich das. Organisierte Gewalt: da fallen für mich auch die Themen „Loverboys“ und auch die Menschenhändlerringe, die erwachsene Frauen (naja, und eben auch Teenager) handeln darunter. Ich weiß, im AK rituelle Gewalt wird da auch ab und an drüber diskutiert. Ich glaube, dass die meisten Leser sich unter organisierter Gewalt eher Menschenschmugglerbanden aus Osteuropa vorstellen. Das Ausmaß an Kinderhandel, und gerade auch hier in Deutschland, ist den meisten wenig bekannt. Unter rituelle Gewalt fasse ich hier im Artikel beides: von Kindheit an: sowohl in Gruppen mit Ideologie, als auch in Gruppen, deren Interesse rein geschäftlicher Art verknüpft mit pädophilen „Kunden“ ist. Ich finds so leichter. Zumindest vorerst. In die Tiefe konnte ich hier nicht weiter vordringen. – Wie unterscheidet ihr denn – und was ist euch dabei wichtig? LG an alle

      1. Wir finden eine klare Benennung schon wichtig: „Rituelle Gewalt“ meint für uns einen Hintergrund mit Ideologie (Überzeugung); „ritualisierte Gewalt“ wäre eine Art „Abstufung“ (es kann z.B. satanistische Elemente/Rituale o.a. geben, die aber eher „special effects“ während mind control oder Filmaufnahmen darstellen, keine tiefe Überzeugung der Gruppierungsmitglieder)… „Organisierte sexualisierte Gewalt“ ist für uns ein Überbegriff für die Ausbeutung von Kindern/Jugendlichen in kriminellen Gruppierungen und auch für Menschenhandel und Zwangsprostitution bei Erwachsenen. Das sind die Definitionen, wie wir sie üblicherweise benutzen- allgemeine Gültigkeit müssen sie natürlich nicht haben. Uns fällt es einfach leichter, mit anderen Menschen zu diesen Themen zu kommunizieren, wenn wir wissen, dass wir alle eine gemeinsame „Basis“ haben und wenn klar ist, was mit welchen Begriffen gemeint ist.

      2. Danke für eure Erklärung. Ich verstehe sie. Und auch das mit der Basis. – Der Artikel wendet sich auch an Leser, die von diesen dingen wenig oder nichts wissen. Organisierte sexuelle Gewalt ist für diese Leser eher sowas: osteuropäischer Menschenhändlerring mit Niederlassung in Berlin, oder libanesische Mafia, die in einer bestimmten Wohngegend die Prostitution (Zwangsprositution) kontrolliert. Ich schätze, eure Begrifflichkeiten sind die korrekten. Und im Austausch miteinander werde ich darauf achten. Bei dem Beitrag ging es mir vor allem darum, Menschen aufzurütteln, die nichtmals wissen, dass es Kinderhandel in Deutschland gibt, und denen nicht bekannt ist, wie es hier in der Rotlichtlandschaft überhaupt aussieht. – Mich würde noch interessieren (und die Frage ist ganz neutral, ohne Wertung oder irgendwas): gibt es für euch einen Unterschied, was organisierten sexuellen Missbrauch und rituelle Gewalt angeht, der sich auf die Opfer auswirkt? Programmiert wird in beiden Fällen. Gefoltert und missbraucht auch. Ist es die Ideologie, die noch was draufsetzt? Die Familienstrukturen (oder ist das nicht auch bei organisierter Gewalt in vielen Fällen so?)? Macht es nochmal einen Unterschied für die Betroffenen? Ich hoffe, ihr versteht meine Frage. Mir geht es ums Verstehen.

      3. Uah – ich habe gerade scheinbar eure letzte Antwort und meine gerade geschriebene Reaktion darauf gelöscht… doof. Es ging um die „Heftigkeit“. Ich hoffe, ich bekomme das nochmal hin… Die Frage danach kann ich gar nicht so recht formulieren – es ist mehr ein grummeliges Bauchgefühl… Leid ist nicht mit Leid vergleichbar. Klar… Trotzdem würde ich, wenn ich zwischen Leid und Leid wählen müsste, oft wissen, was ich persönlich als schlimmer empfinden (oder dafür halten) würde. Und mich für das persönlich kleinere Leid entscheiden… Gäbe es da für euch zwischen organisierter Gewalt und ritueller Gewalt einen Unterschied? Und… jetzt wirds noch bauchgrummeliger: bei ritueller Gewalt wird ja auch was mit meinem Weltbild gemacht. Ihr kennt mich ja ein bisschen. Ich habe eine Jesusbeziehung. Für mich ist Gott der, der uns schuf – und zu dem wir schon von daher ja irgendwie einen Bezug haben – egal, wie man das auch immer füllt – also egal ob personalisiert oder höhere Macht, usw. Im rituellen Missbrauch wird ja auch da was kaputt gemacht. Weil dort das, um was es da geht, ja irgendwie immer sehr gewaltvoll und destruktiv ist. Das Leid aufgrund einer bestimmten Ideologie oder in Satans Willen geschieht. Wenn wir davon ausgehen würden (ich ja schon), dass Gott/ die höhere Macht uns wohlmeinend zugewandt ist… wird dann in dieser art Gewalt nicht auch was zerstört? Etwas, was auch mit dem innersten Wesen des Menschen zu tun hat? – Wobei es ja auch viele Überlebende gibt, die sich gerade dann im Heilungsweg danach ausstrecken. Und dann eben viele andere, die nix mehr damit zu tun haben wollen. Klar… Ach es ist zu bauchgrummelig noch bei mir…. hoffe, ihr versteht in etwas meine nebeligen Gedankengänge. Und ihr selber: gibt es für euch einen Unterschied in der „Heftigkeit“ der Auswirkungen? Viele liebe Grüße und danke, dass ihr bereit seid, zu erkären 🙂

    2. Hier nochmal Pauline-s Antwort an mich (chronologischdie letzte bis jetzt) – die ich gelöscht habe. In den Privatmails war sie noch zu finden 🙂 : Noch mal kurz zu den Begriffen (um es richtig kompliziert zu machen ;-)): Organisierte sexualisierte Gewalt ist ja immer (meistens?) auch ein Aspekt der rituellen Gewalt. Andersrum nicht zwangsläufig. Was die Folgen für die Betroffenen angeht: Wir glauben, dass immer dann, wenn seit früher Kindheit mind control eingesetzt wurde um gezielt Aufspaltungen zu erreichen, die der Gruppierung dienlich sind und die langfristig funktionieren sollen, die Folgen schon sehr gravierend sind. Und dass eine Loslösung aus diesen Strukturen besonders erschwert sind. Kommt noch eine ideologische oder pseudoreligiöse Prägung hinzu, zieht dieser „Sumpf“ noch mal an anderen inneren und emotionalen Stellen vielleicht. Meinst Du einen Unterschied in der „Heftigkeit“ der Auswirkungen und in der Schwierigkeit der Ablösung? Oder worauf bezieht sich die Frage nach dem Unterschied?

  3. …ich sitze hier gerade vor dem XY-Beitrag in der Mediathek…und bin völlig baff und erschrocken und angewidert und entsetzt und vieles anderes, was ich gar nicht benennen kann…

    …es ist unglaublich…

    …Prostitution ist Zerstörung der Menschenwürde, ja, so sagt sie es und so ist es und es ist Seelenmord. Es ist gut, dass das, was bestimmt vielen Menschen (hoffe ich) intuitiv klar ist, endlich geradeaus und ohne Umschweife ausgesprochen wird.

    Kann nicht sein, dass es so etwas – und dann auch noch bei uns in Deutschland, um die Ecke – gibt….

    Ich danke Dir für Deinen ausführlichen und so sehr aufdeckenden Beitrag – man vergisst so etwas doch immer wieder im Hintergrundrauschen seines Alltags…

    …und ja, ich habe viele Fragen…doch werde ich sie an anderer Stelle fragen…..weil, ganz schlicht ausgedrückt…..ich muss schlafen!

    ….aber ich bin sehr ergriffen….und vor Allem, Bettina, vielen Dank dafür, dass Du Deine Wut über all das hier so zum Ausdruck bringst, man spürt Deine Wut….und das finde ich richtig und großartig, ich bin mir sicher, Du bewegst damit sehr viel, vor Allem in den Köpfen der Menschen…

    LG und gN
    Farouk

    1. hey Farouk, wie geht es dir heute? (kam noch nicht dazu, irgendwas zu lesen…) Ja, es ist unvorstellbar und unverständlich, wie sowas hier stattfinden kann. In einem Land, das gelernt haben sollte… in dem Menschenwürde einen ganz hohen Stellenwert haben sollte – weit vor wirtschaftlichen und politischen Interessen. In der Politik sitzen auch die Lobbyisten für das „Sexgeschäft“. Ich würde eher sagen: für Menschenhandel. Natürlich sitzen da auch andere… aber eben auch diese Vertreter. Und bei den linken und ökö Parteien wird viel damit argumentiert, dass es zur Selbstbestimmung der Frau gehöre, sich auch prostituieren zu dürfen (oder man sagt: mit dem eigenen Körper das zu tun, was man will). Ich bin sehr für die Selbstbestimmung der Frau – aber dass diese Gedankengänge verdreht sind und am EWnde die Unterdrückung von Frauen dabei herauskommt, das wir in bestimmten Kreisen nicht gesehen. Oder man will es nicht sehen… Aus wirtschaftlichen Interessen (da kommt viel Kohle ins Land…) und ich fürchte, manche sind auch einfach mit verwickelt. Gilt auch da, wo es um Kinderhandel geht – wahrscheinlich noch viel mehr… 😦 Wieviel ich bewege, weiß ich echt nicht. So groß ist meine Leserschaft ja nicht. Und auch beruflich ist es begrenzt. Ich glaube, man müsste noch dran arbeiten, wie man mehr erreichen kann. Da ist die Sandra Norak mit ihren Mitstreiterinnen ja super weit. Ich hoffe, dass es sie nicht auffrisst, sich mit ihrer Geschichte so in der Öffentlichkeit zu zeigen. Ich hoffe, sie ist gut abgeschirmt, vor allem auch seelisch. LG!

  4. 😢furchtbar! Danke für deinen Text!
    Meine Fragen: Was kann ich tun? Was würde helfen? Gibt es Programme für die Schule, um den programmierten Kindern zu helfen?

    1. Hallo Lilli, danke für deine Fragen. Nee – da ist mir nichts bekannt, dass es was in Schulen gäbe. Die meisten Lehrer wissen davon auch nicht. Fast alle. Die Kinder sind aber auch nicht auffällig. Man kann es ihnen nicht anmerken. Oder nur, wenn man sehr geschult wäre, könnte man was erahnen. Sie sind darauf getrimmt, unauffällig zu sein. In der Schule nicht aufzufallen. Das macht die Sache schwierig. Man könnte evtl was merken, wenn das Kind nach bestimmten wichtigen Daten fehlt, oder müde wirkt. Die Verletzungen, die ihnen zugefügt werden, sind oder sollen nicht zu sehen sein. Aber ich denke, es ist immer gut, aufmerksam zu sein und vor allem über das Thema Bescheid zu wissen. Dann besteht die größte Wahrscheinlichkeit, dass man was erahnt. Allerdings ist es schwierig zu helfen, weil die Familien meist vernetzt und organisiert sind. …

      1. Schwierig ist es sicher. Das sollte aber kein Grund sein, es nicht zu versuchen. Was bräuchte es, um beispielsweise Lehrer zu sensibilisieren und welche Schritte könnte man gehen? Welche Plattformen könnte man nutzen? Die Gender-Diskussionen binden so viel Energie und Aufmerksamkeit. Kann man die nutzen? Bräuchte es zusätzliche Angebote, um den Frauen zu helfen? Was braucht ihr an Unterstützung? Das kann doch wohl nicht sein, dass es so viele christliche Gemeinden und so viel Unwissenheit gibt.

  5. Absolut erschütternd, liebe Bettina, danke für Deine Aufklärung und für Deine bewundernswerte Tatkraft. Ich denke, in der Schweiz ist das Problem grösser, als man gemeinhin annimmt. Was mir aber fehlt, ist die Erwähnung der Freier – ohne Freier, die die Prostitution „brauchen“, gäbe es den Riesenmarkt wohl nicht.
    Was mich auch zum Nachdenken bringt: Es gibt in der modernen Gesellschaft so manche ignorierte Parallelwelt: die Psychiatrie, die Armut, die Demenz…
    Liebe Grüsse, Elisabeth

    1. Ich bin da sicher nicht mehr auf dem neuesten Stand. Der letzte Stand ist genau das, das die Mitternachtsmission da engagiert ist. Und dass in Dortmund sehr viele Roma Frauen unterwegs sind. Mia https://rausausderaffenfalle.com/2017/11/17/bordell-deutschland-mias-geschichte/ ist auch eine Roma. Ihre Geschichte war eine typische ausländische Loverboygeschichte. Viele der Romafrauen werden aber von ihrer eigenen Familie geschickt, um sich zu prostituieren. Oftmals so ab 15 oder 16 Jahren Lebensalter. Die versorgen dann eine ganze Familie. Freiwillig kann man das nicht nennen… da steht Familiendruck dahinter. Trotzdem würden sie oft sagen, dass sie das freiwillig (für ihre Familie) tun. Es ist ein Fass ohne Boden… Ich schätze in Dortmund ist die Lage so unübersichtlich, dass da viele Frauen durch die Maschen gehen…

      1. Ja – eine der Parallelwelten. Ich glaube die Parallelwelt der rituellen Gewalt ist evtl noch größer. Und noch unvorstellbarer. Und noch mehr mit unserer eigenen Realität verwoben. Doch unsichtbar für die meisten.

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