Es lebten auf dieser Erde, weit verstreut, viele, viele Geschwister. Sie alle hatten einen liebenden Vater, der voller Gnade und Barmherzigkeit war, und jedem verlorenen Sohn und jeder verlorenen Tochter, die sich auf den Weg nach Hause begaben, mit offenen Armen entgegenlief, um sie willkommen zu heißen.

Nun gab es eine Zeit auf dieser Erde, da war der Vater verreist. In einigen Teilen dieser Erde aber entwickelten sich Hungersnöte, unter denen viele Geschwister zu leiden hatten. Ebenso litten einige Geschwister an Verfolgungen, an seelischen und körperlichen Grausamkeiten, und die Rechte anderer Geschwister wurden so sehr beschnitten, dass sie nicht mehr sie selbst sein konnten, nicht mehr in Menschenwürde leben konnten.

Da machten sich die hungrigen, verfolgten, gefolterten und unterdrückten Geschwister auf. Sie sagten sich: Ob wir wohl heimkehren können zu unseren Geschwistern, die in Überfluss und Freiheit leben? Wir waren noch nie dort, aber wo Geschwister sind, da ist doch auch ein Zuhause? Und vielleicht nehmen sie uns als Geschwister auf, und wenn schon das nicht, dann doch als Tagelöhner, so dass wir wieder satt und in Freiheit leben können.

Und sie machten sich auf, verließen alles, was ihnen liebgeworden war. Weinten, als sie das letztes Mal in ihrem Mutterland mit anderen zusammen eine Mahlzeit aßen oder gemeinsam beteten. Weinten, als sie die Türe ihres Heims hinter sich schlossen. Sahen zurück, als sie ihr Haus ein letztes mal als kleinen Punkt aus großer Ferne erkennen konnten. Manche flohen bei Nacht. Ohne sich zu verabschieden, weil es zu gefährlich gewesen wäre, und in ihrem Herzen schwelte ein nie gelebter Abschied.

Der Weg, den diese Geschwister auf sich nahmen, war lang und gefährlich. Viele hungerten auf dem Weg, und litten an Erschöfung. Viele erlitten körperliche Verletzungen, die blieben. Viele erlebten grausame Geschehnisse, die in der Seele einen Wundbrand hinterließen, der nie ganz abheilte. Andere starben auf dem gefährlichen Weg. Und unter ihnen waren viele gute Geschwister, und einige Geschwister, deren Seele verdorrt war und die auch ein Übel in ihrem Herzen trugen. So wie es überall, in allen Orten und Völkern der Welt immer schon war.

Nach unmenschlichen Strapazen und Erlebnissen kamen diese Geschwister eines Tages bei ihren Schwestern und Brüdern, die in Freiheit und in Überfluss lebten, an. Manche Geschwister nahmen sie bereitwillig als ihre Geschwister auf, und versuchten, ihre Bedürfnisse zu stillen und das zu leben, was nahe lag: Geschwisterschaft.

Andere Geschwister aber wurden von Ängsten getrieben, und Missgunst und Neid überfiel sie. Sie bauten Zäune um ihre Häuser und ihre Gärten, und bewachten ihr Hab und Gut, und teilten nicht. Sie beschimpften die Geschwister, die ihr Hab und Gut teilten und ihre Geschwister aus den fernen Ländern aufnahmen und ihnen mit Barmherzigkeit begegneten. Die sogar mit ihnen lachten, mit und von ihnen lernten. Und die mit ihnen feierten, mit gemästeten Kälbern und Tanz. Feste, ganz nach der Art des Vaters, denn das Herz des Vaters war noch in ihnen, und sie erkannten ihre Geschwister.

Da wurden die Geschwister, die sogleich Zäune um ihre Häuser gebaut hatten, bitter. Wer hat uns jemals willkommen geheißen?, murrten sie. Wer hat mit uns geteilt? Und wer hat uns zu Ehren Feste gefeiert, mit gemästeten Kälbern und Tanz? Und Neid wuchs in ihren Herzen. Und Missgunst, Angst und Hass wuchsen dort auch. Und sie machten Pläne, wie sie die neuen, alten Geschwister wieder vertreiben könnten in die Länder aus denen sie gekommen waren. Was hatten sie schon zu schaffen mit derem Hunger und deren Verfolgungen? War nicht jeder für sein eigenes Land und sein eigenes Geschick verantwortlich?

Der Vater aber, der verreist war, hörte von Ferne von den Geschehnissen auf seiner Erde, auf der seine Kinder lebten. Und er freute sich an seinen Kindern, die teilten und miteinander feierten. Und er weinte bitterlich über seine Kinder, in deren Herzen Angst, Habgier und Hass eingezogen waren.

„Seid ihr nicht alle meine Kinder?“, rief er. „Und habe ich euch nicht mein ganzes Erbe hinterlassen, damit ihr es geschwisterlich miteinander teilt? Ist nicht genug da, dass alle satt werden und dass alle einmal in der Woche miteinander feiern und tanzen können? Gehört nicht alles, was ihr habt, mir? Und alles, was ich habe, euch?“

Und er rief zu den Geschwistern, die hinter ihren Zäunen hockten und deren Herz verkümmert war, und die Pläne gegen ihre Geschwister schmiedeten: „Versteht ihr denn nicht, dass ihr meine geliebten Kinder seid, und dass alles, was ich habe, euch gehört? Und dass alles, was ihr habt, mir gehört? Und dass alles, was ich habe und was ihr habt, auch euren Geschwistern gehört? Kehrt heim, und lasst euer Herz heilen. Freut euch mit uns, denn diese, eure Geschwister waren hungrig, und sie werden nun satt. Freut euch mit uns, denn diese, eure Geschwister, wurden geschlagen und verfolgt, und sind nun in Freiheit und werden heil. Lasst uns zusammen feiern und essen, und fröhlich sein. Denn ihr seid alle meine Kinder. Und alle diese sind eure Schwestern und Brüder.

Und er stand da, mit offenen Armen, und lief all seinen verlorenen Kindern voll Freude entgegen. Doch sie wandten sich ab, und erkannten ihn nicht als ihren gemeinsamen Vater. Die aber, die ihn erkannten, und in seine Arme liefen, trug er voll Freude nach Hause, wusch sie und verband ihre Wunden. Ließ sie neu kleiden, und gab ihnen Würde und ihr Erbrecht in voller Höhe. Und er ließ den Festsaal herrichten und gemästete Kälber schlachten. Und er jubelte aus voller Kehle: „Diese meine Kinder, sind zurückgekehrt. Lasst uns feiern und fröhlich sein.“

Und während sie feierten, herzte der Vater seine heimgekehrten Kinder. Und zugleich stand er voller Sehnsucht, mit geöffneten Armen da, und rief in die Ferne:

„Kommt wieder, Kinder! Kommt nach Hause. Mein Herz sehnt sich nach euch!“

© Bettina Peter

alle Fotos: kostenloses Fotoarchiv wordpress

3 Gedanken zu “Die Geschichte von den verlorenen Geschwistern

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