IMG_20190905_212211© B.Peter

Es war heute schon zu sehen. Und brauchte nichtmal einen sehr guten Beobachter, um es festzustellen. Es war so offensichtlich, dass ich es mir nun sogar selbst eingestehen muss. Leugnen geht nicht mehr: Ich verlier jetzt mal die Kontrolle über mein Leben.

Ich krieg den Deckel nicht mehr auf die Butter, und den Orangensaftverschluss nicht auf die Flasche. Mir fallen Dinge aus den Händen. Die Mathehausaufgabenstellung der Söhne bedurfte intensiver Konzentration. UND: ich trage seit dem frühen Morgen eine Jogginghose  – und damit ist es ja nach Karl Lagerfeld nun offiziell und offensichtlich: Ich hab die Kontrolle über mein Leben bereits verloren.

Am Samstag war mein letzter Arbeitstag in der Gemeinde. Gestern Abend dann noch ein gemeinsam mit IJM gestalteter Abend in einer Gemeinde in der Region. Mein Part war ein Vortrag zum Thema „Zwangsprostitution und rituelle Gewalt in Deutschland“. Und ich bin sehr zufrieden. Denn es waren dort Menschen, die berührt waren, und berührte Menschen haben das Potential, etwas in sich selbst und in ihrer Umgebung zu verändern.

Ab heute aber ist Sabbat-Zeit. Bis zum Ende des Jahres werde ich keinen Finger mehr rühren ich deutlich kürzer treten. Keinen Predigt- oder Vortragstermin mehr annehmen. Keine zusätzlichen Seelsorgen als nur die, die ich versprochen habe, weiterzumachen. Nur noch die Teens und die HerzZeichen-Arbeit. Keine pastoralen Tätigkeiten mehr.

Viel Zeit mit meinem Abba. Viel Zeit für Aufarbeitung. Viel Zeit für Erholung und Familie.

Und wenn im Januar der Abba grünes Licht gibt, geht es dann weiter mit den Vorhaben, die der Grund für meine Kündigung waren. Ideen dazu habe ich mega viele. Und auch Pläne, was ich zuerst machen könnte, was wichtig wäre. Und das werde ich dann auch in die Tat umsetzen.

Nee, nee!  Kontrollverlust. Abgeben. Loslassen. Warten und schauen und hören, was Jesus dazu sagt. Was Ruach flüstert und neu vor Augen malt. Sehen, was Abba tut, und das dann mit ihm zusammen tun. Vor zehn Tagen hatte eine liebe Person, die keine Ahnung von mir und meinen Plänen hat, ein Wort für mich von Gott. Sie sagte: „Der Vater sagt: Du machst das richtig gut. Du gehst als Erste diesen Weg und das ist manchmal schwer – aber er sagt: Du machst es gut. Lass dich nicht in Systeme pressen. Höre weiter auf das, was ich dir sage und zeige, und dann mache das. Lass dir keine Systeme und keine Schranken auferlegen.“ Und ich merke, wie wahr das ist. Denn von allen Seiten kommen plötzlich wohlmeinende Systemvorschläge auf mich zu. Und ich bemerke meine eigenen Denksysteme, Angstsysteme, meine ganz eigenen begrenzten menschlichen Vorstellungen, die sich wie ein Netz und doppelter Boden unter die Zukunft legen wollen – in Wirklichkeit aber auch Netzfallen wären, in die ich mich ganz unschön verwickeln könnte.

Kontrollverlust. Alle eigenen Pläne loslassen. Auf eigene Ängste und die eingeschränkten Vorstellungen von anderen und mir selbst pfeifen. Die Hände öffnen und alles loslassen und hergeben. Vermeintliche Sicherheiten hinter mir lassen. Sowohl was die eigenen Visionen, wie etwas erreicht werden kann, als auch was die finanzielle Versorgung betrifft. Ganz schön herausfordernd.

Statt dessen ganz auf den Vater vertrauen, der die besten Pläne hat. Dem alles gehört. Dessen Augen jederzeit auf mich gerichtet sind. Der sogar den Spatz, und umso mehr sein Kind sieht. Der über meine begrenzte Sicht grenzenlos hinausschauen kann. Der das Ziel schon bestimmt hat und mich sicher dorthin bringen wird. Gar nicht so herausfordernd – vielleicht doch eher einladend und unglaublich leicht. Nur dass ich eben noch nicht alles sehe und weiß.

Vertrauen – Kontrolle verlieren – und es mir erst einmal bequem machen, in dieser Sabbatzeit, die der Vater mir schenkt. In einer Fleece-Jogginghose mit schlafenden Katzen darauf.

7 Gedanken zu “Ich verlier jetzt mal die Kontrolle über mein Leben

  1. Versprochen ist versprochen 😀. Aber man darf auch erklären, dass man mal ein Versprechen nicht halten kann. Wäre auch ok, aber ganz schade.
    Hoffe dein Hund versteht sich mit den Katzen auf der Hose 😀

  2. Ein happiges Thema, mit dem Sie sich da in die Sabbat-Zeit verabschiedet haben. Ich habe eben die Artikel von Martina Rudolph et al. in der Augustnummer der Stimmen der Zeit gelesen. Sehr wichtig, aber auch sehr fordernd, wie ich mir vorstellen kann.
    Gutes Loslassen und Gottes Segen für die kommenden Monate und guten Geist der Unterscheidung für das, was nachher kommt.
    Gruss aus der Schweiz
    Beat

    1. Ja – das ist ein schweres, furchtbares Thema. Den Artikel kenne ich nicht, Der würde mich mal interessieren. Das Waldschlösschen ist ja eine der Adressen in D, wo Menschen mit dem Hintergrund gute Hilfe finden.
      Danke für die lieben Wünsche und einen herzlichen Gruß aus dem hohen Norden in die Schweiz 🙂
      Bettina

  3. Liebe Bettina,
    ich hoffe Du arbeitest weiter aktiv an der Schaffung, Reflexion darüber und aufrecht Erhaltung von Freiräumen im neuen Lebensabschnitt. Sagt Dir einer, mit Gefangensein- und Freiraumerfahrung 🙂 der weiß wie schnell man mit allem möglichen beschäftigt ist/wird.

    1. Bist du es, Martin, sprich!?!?
      Jaha – ich habe mir schon ganz von selbst ein feines Maximum-Programm entickelt – und darüber hinaus werde ich mich im „nein“ sagen trainieren. Wird mach einer nicht verstehen. Machts nichts 🙂 LG

  4. Nein sagen ist wahnsinnig wichtig. Ich bin mittlerweile fast deutscher Meister im Absagen und zuvor leichtfertig versprochenes wieder zurückzugeben. Eine große Kunst.
    Übrigens klingt es witzig, dass du absichtlich was verlieren willst (die Kontrolle in dem Fall). Redet man da nicht von verlegen statt verlieren? Wegwerfen? Loswerden?
    So oder so, ich wünsche gutes Gelingen. Die unbekannte Frau hat eine gute Botschaft ausgerichtet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s