Amali von „Leben mit dem Viele sein“ schreiben den heutigen Gastbeitrag und darüber, warum sie sich seit 15 Jahren zum ersten mal auf Weihnachten freuen. Mich hat der Artikel von Amali sehr berührt.

Wir sind Viele in einem Körper, da wir extreme Gewalt von Geburt an bis zum 16. Lebensjahr überleben mussten, was auch als Multiple Persönlichkeit (mehr oder weniger bekannt) ist. Wir nennen uns hier Amali, da wir anonym bleiben wollen. Amali bedeutet Hoffnung- diese trägt uns durch unser ganzes Leben, auch wenn wir nie genau sagen können, worauf eigentlich. Aber sie ist der Motor zum Weitermachen, immer Weiterkämpfen. Ich weiß oft nicht, wo sie eigentlich her kommt, aber wir sind dankbar, dass wir sie immer wieder haben. Und in den dunkelsten Zeiten gab es immer Menschen, die sie für uns trugen. Es gibt so vieles, wofür wir dankbar sind, dass wir jetzt lange nicht anfingen konnten zu schreiben, weil es einfach zu viel für einen Text war. Wir haben so viel Mangel, Todesnähe, Verlassenheit und sadistische Menschen in unserem Leben erlebt, dass wir fast nichts für selbstverständlich nehmen. Immer wieder haben wir diese Momente, in denen wir kaum glauben können, dass das JETZT HIER unser Leben ist. Auch wenn wir immer noch viel kämpfen und viele Krisen haben, aber wir haben so vieles, von dem wir entweder gar nicht wussten dass es das gibt, oder in uns so tief eingetrichtert wurde, dass wir es nie bekommen oder erleben werden oder auch nicht verdient haben. Da ist unser Garten, unser Hund, unsere Geige, das kleine Streichorchester in dem wir spielen, unsere helle ruhige Wohnung, die wohlwollende Unterstützung, die wir bekommen, die Möglichkeit in einem Land zu leben, in dem man nicht am Hungertuch nagen muss, wenn man nicht arbeiten gehen kann, die Farben in der Welt, die Musik, der Kaffee am Morgen mit dem Zahlenrätsel auf den Knien, der Schlaf bis hin zu Nächte in denen wir 8 Stunden ohne Alpträume durchschlafen (vor ein paar Jahren noch unvorstellbar gewesen). Da ist unsere Psychotherapeutin, die seit 8 Jahren an unserer Seite ist, zu der wir inzwischen eine tiefe und sichere Beziehung haben, und die sowohl fachlich als auch menschlich für uns top ist, was leider gar nicht selbstverständlich ist. Da ist auch noch unsere Kunsttherapeutin, bei der wir auch seit 8 Jahren sind und es irgendwie immer Wege gab, es zu finanzieren, unsere Psychiaterin, unsere Hausärztin, und unsere wunderbare Physiotherapeutin. Es gab viele, viele, viel zu viele Jahre, in denen wir von Klinik zu Klinik überlebt haben und hier zuhause kaum oder gar keine Unterstützung hatten. Inzwischen haben wir ein Netz, das reicht um ambulant weiterzukommen und gut aufgefangen zu sein wenn wir es brauchen. Für all das sind wir sehr sehr dankbar.

Aber auf eines möchten wir hier besonders eingehen, da wir nicht wissen, ob es ohne diesen Virus vielleicht nicht so gekommen wäre. Eine Freundschaft die sich aus der Not heraus entwickelt hat. Die Freundschaft zu Kerstin. Wir haben wenig soziale Kontakte und leben sehr zurück gezogen. Das, was der Lockdown für viele Menschen als Ausnahmezustand bringt, ist bei uns mehr oder weniger normal. Wir haben eine enge Freundin, die aber 60km entfernt wohnt, ansonsten beschränkte sich unser nicht-therapeutischer Sozialkontakt aufs wöchentliche Orchester. Dieses fällt nun seit dem ersten Lockdown aus, und das ist das einzige, was uns wirklich sehr fehlt. Es war, bzw. ist der perfekte Wochenabschluss zum Freitagabend, was uns auch erst durch den Lockdown richtig bewusst wird. Kerstin lebt auch alleine, sehr zurückgezogen, geht nicht arbeiten. Wir haben sie vor 10 Jahren in der Tagesklinik kennengelernt, hatten danach aber nur sporadisch über eine dritte Person aus der Tagesklinik Kontakt, mit der wir beide befreundet waren. Jahrelang haben wir uns gar nicht gehört und gesehen. Vor zwei oder fast drei Jahren fanden wir nach zweijähriger Suche die Wohnung, in der wir jetzt leben (für die wir auch täglich sehr dankbar sind). Es stellt sich heraus, dass die Wohnung sehr gut für uns ist und vieles, nachdem wir gar nicht bewusst gesucht hatten, wird uns gerade immer wichtiger: die Lage am völligen Rand der Stadt, so dass wir nur ein paarhundert Meter laufen müssen um nur noch Felder und Seen zum spazieren gehen vor uns haben zum Beispiel, oder dass wir nur eine Viertelstunde in unseren Schrebergarten laufen. Als wir hierher zogen wussten wir schon, dass Kerstin einen Häuserblock weiter wohnt. Es gab uns ein Gefühl von Sicherheit, in dem völlig neuen Stadtviertel jemanden zu kennen, aber wir konnten uns nicht vorstellen, dass sich daraus mal eine Freundschaft entwickeln wird. Im ersten Jahr, das wir hier wohnten, trafen wir Kerstin nur ab und an zufällig auf der Straße. Dann kam es irgendwann, dass man sich mal etwas auslieh, oder sie für 3 Tage in meinem Kleingarten das Gemüse goss. Letztes Weihnachten nahm sie immer mal unsere Hündin in Pflege, da diese sich nach einer großen OP nicht bewegen durfte, und wir einen Wohnungskoller bekamen. Da überlegten wir beide schon, uns im nächsten Jahr in den Weihnachtsferien mal zu treffen. Dann kam der Lockdown und die plötzlich so leeren Freitagnachmittage. Da Kerstin selber mal 10 Jahre lang einen Garten hatte, luden wir sie einfach irgendwann in unseren ein, und es wurde schnell zur fast festen Verabredung: Freitagnachmittag bei uns im Garten. Gemeinsam ein bisschen jäten oder in der Sonne liegen und Kaffee trinken. Als wir für zwei Wochen in den Urlaub fuhren, bekam Kerstin den Gartenschlüssel, und wurde zum Gießen beauftragt und unseren Wohnungsschlüssel um sich um Briefkasten und Zimmerpflanzen zu kümmern. Beide Schlüssel hat sie seitdem, was für uns ein großer Vertrauensschritt, aber auch ein Rückhalt ist, dass da im Notfall jemand wäre, der den Hund aus der Wohnung holt und den Garten im Blick hat (nicht zu vergessen, dass wir auch schon spätabends im Schlafanzug bei Kerstin klingelten, weil wir uns ausgeschlossen hatten.). Als das Orchester wieder anfing, sahen wir uns eine Weile freitags nicht mehr, aber da wurde wie man heute sagt, gewhatsappt und auch mal spontan unter der Woche ein gemeinsamer Morgenkaffee getrunken. Die morgendliche Gassirunde geht eh bei ihr vorbei, warum dann nicht kurz die Treppe hoch? Uns sind lange Treffen oft schnell zu viel, aber so um die Ecke zu wohnen macht es sehr viel leichter, sich auch mal nur für ein Stündchen zu treffen. Nun kam der zweite Lockdown. Im Garten ist es zu kalt aber da trifft man sich halt zum Spielen in der Wohnung. Wir schenken uns gegenseitig Dinge, die wir aussortieren, da wir beide von wenig Geld leben müssen. Wir verbringen wertvolle Zeit miteinander, tauschen uns aus. Vieles müssen wir nicht erklären, da Kerstins engste Freundin auch multipel ist und aus dem Hintergrund organisierter Gewaltstrukturen kommt, so dass Kerstin schon viel Wissen mitbringt. Sie erfährt aber trotzdem auch nach und nach etwas mehr über uns, darf an unserem Prozess teilhaben, kann aber auch ihre Wertschätzung und ihren Respekt zum Ausdruck bringen, was uns sehr viel Kraft gibt. Kerstin tut es außerdem gut, mit unserer Hündin zu kuscheln, da sie ihre Katze abgeben musste und sich immer noch in einem schmerzlichen Trauerprozess befindet. Sie hat unsere Hündin auch schonmal einen Vormittag zu sich genommen, als es ihr sehr schlecht ging und wir eh Termine hatten. Es ist eine Beziehung in der wir nicht nur das Gefühl haben zu nehmen, sondern auch geben zu können. Mit unserer Ruhe, mit unserer Achtsamkeit und mit unserer reichen Lebenserfahrung, oder wie Kerstin es nennt „großen Weisheit“. Oder auch mal nur mit einer aussortierten Thermoskanne. So kommt es nun sogar, dass dieses Jahr das erste Weihnachten seit 15 Jahren ist, auf das wir uns ein bisschen freuen statt panisch der leeren Zeit entgegen zu blicken. Wir werden nicht alleine sein, wir werden nicht in der Psychiatrie festsitzen, wir werden nicht mit aller Kraft versuchen müssen zu ignorieren, dass es diesen Tag gibt. Sondern uns mit Kerstin treffen, sie bringt ihre Blockflöte mit und wir packen die Geige oder das E-piano aus, werden uns nichts schenken, weil uns das beide stresst, machen es uns einfach gemütlich. Wie schön. Auch wenn Weihnachten für uns nicht mehr so emotional aufgeladen ist wie vor einigen Jahren, da wir den ganzen Klimbims inzwischen sehr kritisch sehen, aber es ist eine große Veränderung zu den letzten 15 Jahren. Wir haben keine Familie, weder eine selber gegründete noch eine Ursprungsfamilie. Kerstin gehört für uns nun irgendwie zu der selber gesuchten. Es gibt uns auch Sicherheit, dass sie sagt, sie denkt dass sie jetzt hier wohnen bleiben wird (sie ist auch 20 Jahre älter als wir und wird keine Familie mehr gründen). Klar sind Menschen nie zu 100% sicher und man weiß nie, wer wann geht. Aber es ist mehr Gewissheit als in einer WG, wo sich die Wege trennen, oder als bei unserer anderen Freundin, die immer mal umzieht, jetzt heiratet, nicht weiß wohin in Deutschland es sie noch so verschlagen wird. Nun hat sich tatsächlich so etwas wie eine Freundschaft entwickelt, und das gibt uns eine ganz neue Form von Sicherheit und Gemeinschaft. Wir haben Vertrauen aufgebaut, wir haben Beziehungsarbeit geleistet und schon Vieles ge- und erklärt, wir haben wertvolle Zeit miteinander verbracht. Für manche Menschen ist das vielleicht etwas ganz normales, dass da jemand ist dem man seinen Schlüssel gibt, mit dem man sich trifft, mit dem man redet, der da ist und der wohlwollend ist, ohne dabei Hintergedanken zu haben. Für uns ist das auch 15 Jahre nach der Flucht aus Gewaltverhältnissen noch etwas ganz besonderes. Heute kommt Kerstin wieder zu uns und wir freuen uns schon.

Wenn du mehr über Amali erfahren willst, dann lies weiter auf ihrem blog: „Leben mit dem Viele-Sein“ Alle Photos: Amali

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