„Doch niemand kann sein altes Ich einfach ablegen wie ein Kleid. Erst scheint es zu verschwinden, doch dann kehrt es zurück; wir wachsen in Zyklen, wie das Meer, vor und zurück…“ Daniel Speck, Piccola Sicilia

Photo: Joe Dudeck/unsplash

Ich dachte, das hätte ich längst verarbeitet. Und jetzt fühlt es sich wieder so offen und wund an wie damals. Oft höre ich solche Aussagen in der Seelsorge. Und ich kenne dieses Phänomen auch von mir selbst. Da platzt eine alte Wunde wieder auf, die doch schon in einer Seelsorge oder Therapie behandelt wurde. Die zugeheilt schien und überwunden. Das Leben war leichter und freier geworden. Man schien unangreifbarer, resilienter, ich-stärker geworden zu sein und das Leben bunter und schöner. Doch dann kommt ein Ereignis, oder eine Kette von Ereignissen, und man wird zurückgeworfen auf dieses alte, abgelegte Ich.

Die alten Kleider werden einem übergestülpt, obwohl man es nicht möchte, zusammen mit den alten, unerwünschten Gefühlen. Manchmal verändert sich auch unsere Körperhaltung, die Stimme und unsere Art, uns zu geben. Wir werden wieder klein, fühlen uns wertlos. Gefangen in einem alten Ich. In einem abgelegten Lumpen, der jetzt wieder zu unserer Haut wird.

Es ist schwierig, nun nicht zu fliehen. Sondern den Gefühlen standzuhalten und die Wunde anzuschauen. Zu realisieren: sie ist da. Und die Erkenntnis zulassen: Es ist ok, dass sie noch da ist. Es ist ok, dass ich bin, wie ich bin. Noch wund. Noch nicht fertig und heil. Noch verletzlich. Ich bin ein Mensch. Ein verwundeter Mensch. Und ich darf sein.

Wir wachsen in Zyklen. Und schälen immer mehr Schutzschilde, Schorfschichten und Narben ab. Dringen vor zum Kern der Verwundung. Zum Kern des verletzten Ichs, der meist in ganz jungen Jahren entstanden ist. In der Kindheit, als wir noch so abhängig waren und so schutzlos. Vielleicht gehen wir sogar zurück zu der Zeit im Mutterleib, noch bevor wir unseren ersten entrüsteten Schrei loslassen konnten.

Schmerz und Ohnmacht zulassen und fühlen. Trauer und Wut Raum geben.

Selbstannahme, Selbstfürsorge, Selbstliebe. Barmherzigkeit, Gnade und Trost mir selbst gegenüber wagen. Und von Gott empfangen.

Hoffnung spüren. Einen Blick auf das wagen, was sein wird. Auf die neue Freiheit, die neue Kraft. Das neue Leben in Fülle.

Sich Gott überlassen. Er weiß, welches mein eigentliches Ich ist. Wozu ich bestimmt und erschaffen bin. Er hat Gedanken des Friedens über uns, eine Hoffnung und eine Zukunft. Ich darf den alten Menschen ablegen, und den neuen Menschen anziehen. Ich darf der Mensch werden, der ich in Gottes liebenden Augen schon bin, auch wenn ich gerade noch kämpfe.

Wir wachsen in Zyklen. Heilen in den Kern der Wunde hinein. Legen unsere Verwundungen und Verwachsungen nach und nach ab – indem wir sie immer tiefer anschauen, aushalten, betrauern und loslassen. Und dann berührt werden von der Hand, die alleine heilen kann. Die Hand, die uns geformt hat. Die Hand, die sich daran erinnert und wiederherstellt, wer wir sind. Wir dürfen sein, weil wir geliebt sind.

8 Gedanken zu “Wir wachsen in Zyklen

  1. Wow, geliebte Bettina in CHRISTI, wie wundervoll GOTT durch dich zu uns spricht, danke, danke, danke… Im Glauben an und in der Hinwendung zu JESUS CHRISTUS bin ich (trotz oder auch wegen 🙂 meiner Wunden) eine Königstochter in neuen Kleidern (geistig, seelisch und körperlich) und darf es auch sein, denn GOTT hat uns zuerst geliebt DANKE für alles!!! Viele Heilige Kussis… von Marlies

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